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Surrealismus: Zwischen Himmel und Hölle

Die Surrealisten malten in den 1930er-Jahren krasse Bilder über Ängste, Bedrohungen, Krisen und Träume. Sie wurden deshalb als Landesverräter bezeichnet – und blieben aktuell, wie eine grosse Ausstellung in Aarau zeigt.
Sabine Altorfer
Werner Schaad: Metamorphose (Bild: Kunsthaus Aargau)

Werner Schaad: Metamorphose (Bild: Kunsthaus Aargau)

Ersetzt uns der Roboter? Kommt Krieg? Wohin steuern die erstarkenden totalitären Kräfte in der Politik? Wie finden wir aus der Wirtschaftskrise? Drängende Fragen. Aktuelle Fragen. Aber neu sind sie nicht. Der Fragenkatalog passt in unser Jahrzehnt wie zu den 1920er- und 1930er-Jahren. Damals brodelte es gewaltig unter der Oberfläche. In ganz Europa. Politisch, sozial, aber auch im Selbstverständnis der Menschen. Die Schrecken des Ersten Weltkrieges klangen nach, Weltwirtschaftskrise und die aufkommende braune Gefahr waren spürbar. Der technische Fortschritt liess die Menschen träumen und zittern. Kam dazu, dass Sigmund Freud den Menschen das Wissen um ihr Unterbewusstsein geschenkt und sie damit existenziell erschüttert hatte. Aber da keimte auch die Hoffnung, dass wer sich kenne, sich auch heilen könne. Ob das für uns Heutige auch gilt, die sich von Genforschung und digitaler Umwälzung verunsichert fühlen?

Ernst Maass: Maschinenmensch. (Bild: Kunsthaus Aargau)

Ernst Maass: Maschinenmensch. (Bild: Kunsthaus Aargau)

Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für die Kunst. Das wissen die Satiriker, das nutzen die Literaten und das beflügelt die Maler. Sie stürzten sich in den 1930erJahren unter anderem ins Abenteuer Surrealismus. Nach dem Motto: Was man nicht aushält, muss man bildlich festmachen oder Gegenwelten dazu erfinden. Angetrieben von literarischen Zirkeln in Paris, angestachelt vom Nonsens des Dada (der 1916 Zürich erschüttert wie belustigt hatte), etablierte sich die neue Kunstrichtung Surrealismus ab 1924. In der Schweiz in einer besonders düsteren Ausbildung.

Wie kann man Unbewusstes aus dem Versteck holen?

Erstaunlich ist, dass das Phänomen «Surrealismus in der Schweiz» seit Jahrzehnten nicht mehr thematisiert wurde. Nun breitet das Aargauer Kunsthaus ab kommendem Wochenende einen breit gefächerten surrealistischen Bilderbogen aus. Warum jetzt? Weil die Themen und die künstlerischen Methoden der Bewegung aktuell sind und bis heute nachwirken, sagen Peter Fischer und Julia Schallberger, die Kuratoren der Ausstellung.

Um zwei zentrale Fragen rang die neue Kunst: Was macht die Welt mit uns? Und mit welchen neuen Methoden kann man das Unbewusste aus seinem Versteck kitzeln und die gesellschaftlichen Gefahren sichtbar machen? Die alten akademischen Werte in der Kunst waren längst eingestürzt. Ihre Sicherheit hatte sich im duftigen Licht des Impressionismus aufgelöst, war von der farblichen Wucht des Expressionismus überrollt, vom Kubismus fragmentiert und von der Abstraktion gelöscht worden. Redet man von Surrealismus, tauchen zuerst die internationalen Namen auf: der Theoretiker und Strippenzieher André Breton, der geniale Augentäuscher René Magritte oder der absurde Salvador Dalí.

Schweizer Surrealisten waren besonders unheimlich

Von den Schweizer Künstlern haben Paul Klee und Hans Arp mit surrealen Arbeiten begonnen, bevor es die Bewegung gab. «Es bricht aus mir hervor – und nachher suche ich zu erkennen, worum es sich handelt», beschrieb Arp seine Methode. Dieses aus dem Unbewussten Sprudelnlassen, die «écriture automatique», wurde zu einem Zauberwort des Surrealismus.

Mit dabei war von Anfang an die Schweizer Künstlerkolonie in Paris, etwa Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Serge Brignoni und Isabelle Farner. Giacomettis Körperfragmente wie Oppenheims «Pelztasse» sind Schlüsselwerke des Surrealismus geworden. Doch auch hierzulande wurde Eindrückliches gemalt.

Meret Oppenheim: Sonne, Mond und Sterne. (Bild: Kunsthaus Aargau)

Meret Oppenheim: Sonne, Mond und Sterne. (Bild: Kunsthaus Aargau)

Eingängig sind die Bilder nicht, aber eindringlich, oft unheimlich: Max von Moos lieferte «dämonische Gestalten aus Urwelttagen», Menschen mit teuflischen Fratzen und versteinerten Körpern. Otto Tschumi zergliederte Körper, fasziniert vom Absurden und Unheimlichen in ihre (Geschlechts-)Teile. Otto Abt und Irène Zurkinden projizierten ihre Träume in die Welt der heimatlosen Clowns. Puppengleich, entfremdet und ferngesteuert wirken die Figuren, die Werner Schaad in Zellen sperrt oder in Foltermaschinen spannt. In die Eingeweide grübeln sich etwa Gérard Vulliamy und Kurt Seligmann.

Avantgarde provoziert Landi-Ideologie

Die Schweizer Politik wie auch Künstlerverbände versuchten in den 30er-Jahren, die Kunst zu instrumentalisieren und kanalisieren. Sie sollte den inneren Zusammenhalt stärken und helfen, sich gegen aussen abzugrenzen. Für diese «Geistige Landesverteidigung» dienten altertümliche Skulpturen und brave Wandbilder, sie gipfelte 1939 in der «Landi 39». Im Gegenzug organisierte sich die Avantgarde in der Basler «Gruppe 33» oder in der «Allianz», um sich, um der zeitgemässen Kunst und den aktuellen Gefahren Gehör zu verschaffen. Die Reaktionen fielen zwiespältig aus: vom Vorwurf des Landesverrates bis zu höchstem Lob.

Versöhnlich und heiter zeigt sich der Schweizer Surrealismus nur an seinen Rändern: im Übergang zur Abstraktion oder wenn er Trost in den Wolken oder in Zaubergärten findet. Heiterkeit und Witz findet sich vor allem bei den surrealistisch beeinflussten Kindern und Enkeln in den Nachkriegsjahren: Ab den 1950er-Jahren wird der Roboter bei Jean Tinguely zur lustigen Malmaschine, und André Thomkins, Daniel Spoerri und Ilse Weber erfreuen mit hintersinnigen Doppelbödigkeiten. Heute verwenden Not Vital, Pipilotti Rist oder Valérie Favre das surreale Erbe: fantasievoll – und manchmal auch existenziell dringlich.

Hinweis

ab 1.9., Kunsthaus Aargau

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