Zwischen ETA und Pintxos

Das baskische San Sebastián ist 2016 Kulturhauptstadt Europas. Nirgendwo in Spanien gibt es eine derart hohe Dichte an ausgezeichneten Speiselokalen wie in der Stadt am Kantabrischen Meer.

Ralph Schulze/San Sebastian
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Pintxos, Häppchen von erlesenem Geschmack, gibt es in San Sebastián in fast unendlicher Vielfalt. (Bild: ky/Ana Lazaro Verde)

Pintxos, Häppchen von erlesenem Geschmack, gibt es in San Sebastián in fast unendlicher Vielfalt. (Bild: ky/Ana Lazaro Verde)

Den schönsten ersten Eindruck von San Sebastián bekommt man von oben: Wer mit der alten, ächzenden Zahnrad-Bergbahn auf den 200 Meter hohen Stadtberg Igeldo fährt, kann die ganze Pracht dieser alten baskischen Küstenstadt und neuen Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2016 bewundern. Und zudem weit auf das zum Atlantik gehörende Kantabrische Meer hinausschauen, das wegen seiner starken Stürme und seiner hohen Wellen bei Seeleuten gefürchtet ist.

Magischer «Windkamm»

Im Vordergrund erstreckt sich über zwei Kilometer die attraktive muschelförmige Bucht San Sebastiáns. Mit ihren Sandstränden, dem Hafen, der verwunschenen Insel Santa Clara und der langen Promenade, an der die prächtigsten Bürgerhäuser liegen. Dahinter liegt die verwinkelte Altstadt mit ihrer weltberühmten Gastronomie, welche die Stadt mit 16 Michelin-Sternen zur heimlichen Gourmet-Metropole Europas macht. Viel Charme, hoher Genuss – deswegen wird San Sebastián auch «die Perle des Kantabrischen Meeres» genannt.

Am Fuss des Igeldo, direkt an den Klippen, liegt ein weiterer magischer Anziehungspunkt: Die faszinierende Skulpturengruppe «Windkamm» des Künstlers Eduardo Chillida, der seine Heimatstadt mit zahlreichen grandiosen Werken schmückte. Die stählerne Installation ist das bekannteste Kunstwerk und Wahrzeichen der Stadt und eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten San Sebastiáns. Es gibt keinen schöneren Ort als die Umgebung dieses «Windkamms», um das Meer zu beobachten, dessen Wellen an stürmischen Tagen Chillidas Meisterwerk zu verschlingen drohen.

Die Angst überwinden

Der Atlantik vor der Tür inspirierte auch den Leitspruch der Kulturhauptstadt 2016: «Wellen der Energie» heisst das Motto. Sie sollen in den nächsten Monaten die Stadt mit ihren knapp 200 000 Einwohnern vibrieren lassen. Eine Stadt, die Jahrzehnte unter Anschlägen der baskischen Terrorgruppe ETA litt und sich nach Frieden sehnt. Und die nun die geballte Macht der Kultur als Waffe benutzt, «um die Gewalt zu überwinden».

Die Chancen dafür stehen gut. Denn auch die ETA, die mit Bombenterror die Unabhängigkeit des Baskenlandes erzwingen wollte, hat einen ermutigenden Schritt gemacht und «das Ende der bewaffneten Aktivität» verkündet. Deshalb gibt es begründete Hoffnung, dass die Zeiten des Horrors und der Unsicherheit vorbei sind, auch wenn das Misstrauen noch spürbar ist.

Die Überwindung der Angst war eines der Motive, die San Sebastián zur Bewerbung als Kulturhauptstadt bewogen. «Die Stadt brauchte etwas, um das Trauma zu überwinden», sagt Pablo Berástegui, Direktor dieses einjährigen Kulturmarathons.

Kulturgut Küche

Im Jahr 2016 wird diese Stadt, die sich bereits mit ihren internationalen Film- und Musikfestivals zum urbanen Kulturzentrum gemausert hat, mit noch mehr künstlerischen Anlässen aufwarten. Mehr als 100 Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen und Musicals sollen als kulturelle Friedenswerkzeuge zum Wandel der Gesellschaft beitragen.

Damit die Besucher nicht die Übersicht verlieren, wurde das Programm, das auf der Internetseite www.dss2016.eu abrufbar ist, in «Themenleuchttürme» eingeteilt. Leuchttürme, welche zum Beispiel den Weg zu den Inhalten «Frieden» oder «Leben» weisen.

Zu den Kulturschätzen gehört zweifellos auch die hier gepflegte Kochkultur, die sinnliche Genüsse ganz eigener Art ermöglicht. Gleich drei Restaurants im Einzugsgebiet San Sebastiáns haben sich jeweils drei Michelin-Sterne erkocht. Die Künste der Küchenchefs Juan Mari Arzak, Martín Berasategui und Pedro Subijana locken Feinschmecker aus der ganzen Welt in die baskische Stadt. Sie darf sich zu Recht Spaniens Gourmet-Hochburg nennen, denn drei der insgesamt acht spanischen Drei-Sterne-Lokale stehen hier.

Es ist daher keine Übertreibung, zu behaupten, dass die baskische Küche die beste des ganzen Königreichs ist. Viel fangfrischer Fisch, viel Marktgemüse und viel Kreativität: Das sind hier die wichtigsten Zutaten. Austernomelette, Seehecht mit Schinkenpulver oder Ananas mit Algen – einige der berühmten Kreationen aus der Zauberküche von Arzak, der so etwas wie Spaniens Kochpapst ist und bei dem man monatelang im voraus einen Tisch reservieren muss.

Sidra und Pintxos

Aber auch wer nicht 200 Euro für ein Mahl bei Arzak oder seine prominenten Kochkollegen hinlegen will, kann in San Sebastián königlich speisen. Zum Beispiel in einer der vielen erschwinglichen Pintxos-Bars in der Altstadt. Das baskische Wort Pintxos bezeichnet kleine Leckereien, wie etwa Garnelen, Tintenfisch, Pasteten und andere Gaumenschmeichler, die auf einem Stückchen Weissbrot serviert werden.

«Haute Cuisine im Miniformat» nennt Juan Mari Arzak diese baskische Esskultur. Zu den Pintxos wird gerne der baskische Sidra, ein Apfelwein, getrunken. Und vielleicht schafft man es nach ein paar grossen Schlucken Sidra dann auch, ein paar dieser schwierigen baskischen Wörter zu lernen. Zum Beispiel «Kaixo!» (Hallo) oder «Eskerrik asko!» (Danke).

Seeluft für Haut und Seele

Die baskische Küchenzauberei zog vor allem in früheren Jahrhunderten Spaniens Könige und andere Adlige an, die vorzugsweise im Sommer in die einzigartige Küstenstadt kamen. Auch weil die dortige Seeluft den Ruf hatte, nicht nur der Seele, sondern auch erkrankter Haut gut zu tun. Die vielen Paläste der Stadt zeugen davon, dass man in San Sebastián auf grossem Fuss lebte.

Heute kommen im Sommer Hunderttausende Touristen, um sich an einem der schönsten Stadtstrände Europas zu erholen. Im Herbst nimmt dann eine Heerschar von Surfern San Sebastián ein. Weil sich weltweit herumgesprochen hat, dass die Wellen des Meeres und die kulturelle Energie der Stadt ganz besondere Wohlgefühle vermitteln.

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