Zwischen den Welten: Lukas Hartmann erzählt vom Schicksal einer Sultanstochter

Noch siebzig Jahre später stellt sich zuverlässig Beklemmung ein, wenn Rudolph in Gedanken die Räume seiner Kindheit betritt: düstere Wohnungen mit schweren, viel zu wuchtigen Möbeln, auf denen Fotografien

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Buch der Woche - Lukas Hartmann

Buch der Woche - Lukas Hartmann

Noch siebzig Jahre später stellt sich zuverlässig Beklemmung ein, wenn Rudolph in Gedanken die Räume seiner Kindheit betritt: düstere Wohnungen mit schweren, viel zu wuchtigen Möbeln, auf denen Fotografien des Vaters in schmalen Goldrahmen stehen. Die grosse Schwester Tony mahnt, leise zu sein, nicht lachend herumzutoben, wenn die Mutter wie so oft unter Anfällen von Heimweh leidet. Dann liegt sie frierend unter mehreren Decken, verlässt tagelang nicht das Schlafzimmer, sehnt sich zurück nach ihrem ersten Leben als Prinzessin von Sansibar.

Märchenhafter Brautraub

Das Schicksal Emily Ruetes, geboren 1844 als Salme bint Said, könnte als grosse Romanze erzählt werden. Als orientalisches Märchen aus dem 19. Jahrhundert, das seinen Ausgangspunkt in einem Palast mit mehreren hundert Bediensteten nimmt, auf einer ostafrikanischen Insel mit traumhaft schönen Sandstränden: Sansibar. Hier verliebt sich Salme, Tochter des Sultans, in einen jungen Hamburger Kaufmann, Heinrich Ruete. Als sie ein Kind erwartet, bleibt dem Paar nur die Flucht; andernfalls droht Salme die Todesstrafe. Der Versuch freilich, sich als junge Ehefrau und Mutter in die grossbürgerliche Gesellschaft der norddeutschen Handelsstadt zu integrieren, scheitert kläglich. Das neue Leben unter neuem Namen mit einer neuen Religion wird Salme kein Glück bringen.

Ein Stück Kolonialgeschichte

Was sie angetrieben haben mag, sich auf das westöstliche Abenteuer einzulassen, steht im Mittelpunkt des neuen Romans von Lukas Hartmann. Wie zuletzt in «Räuberleben» (2012) über den elsässischen Räuberhauptmann Hannikel, aber auch in früheren Romanen («Pestalozzis Berg», «Die Deutsche im Dorf») schöpft Hartmann aus überlieferten Quellen, taucht in die Lebensgeschichte historischer Figuren ein und rekonstruiert literarisch, was das Archivmaterial verschweigt.

Im Falle Emily Ruete sind es vor allem die «Memoiren einer arabischen Prinzessin», die sie 1886 publizierte. Sie wurden in mehrere Sprachen übersetzt und erregten in Deutschland beträchtliches Aufsehen – auf dem Höhepunkt der Kolonialzeit. Hartmann freilich spannt den geschichtlichen Bogen wesentlich weiter: Der Roman setzt ein Jahr nach Ende des 2. Weltkriegs ein und erzählt rückblickend aus der Sicht und Erinnerung des unterdessen bald achtzigjährigen Sohnes Said, genannt Rudolph.

Heimatlos und jung verwitwet

Drei kleine Kinder sind Emily Ruete alias Salme bint Said im Jahr 1870 geblieben; das Vermögen schmilzt rasch dahin, als Heinrich Ruete stirbt – ob es wirklich ein Unfall war, bleibt ungeklärt, was dem Schicksal Emilys eine noch bitterere Note verleiht. Von Hamburg zieht die Witwe nach Dresden, später nach Rudolstadt, «eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche», wie sie in einem ihrer «Briefe nach der Heimat» schreibt. Zweimal wird Emily nach Sansibar reisen, um sich mit der Verwandtschaft zu versöhnen und um ihr Erbe zu kämpfen – vergeblich.

Später lebt sie mit den Töchtern im Nahen Osten; Rudolph heiratet eine Jüdin und versucht sich als überzeugter Pazifist in unterschiedlichen Berufen. Mit den Schwestern und deren Männern verbindet ihn herzlich wenig. Wie seine Mutter führt er ein Leben zwischen den Fronten und Kulturen. Dennoch bleibt sie ihm zeitlebens fremd und geheimnisvoll. «Manchmal schrieb sie etwas in rätselhaften Zeichen und von der falschen Seite her», erinnert er sich an die kindliche Wahrnehmung der kulturellen Differenz. Wenn sie singt, klingt es fremd, «Schleiftöne, Kehllaute; man verstand nicht, worum es in ihren Liedern ging.»

Das ist die Leerstelle, die Lukas Hartmann in «Abschied von Sansibar» sensibel mit Leben füllt. Dabei entsteht nicht nur ein exotisch gefärbtes Frauenporträt, sondern beiläufig ein grosses historisches Panorama und eine konfliktträchtige Familiensaga. Hartmann braucht keine Ringparabel, um einmal mehr an die kulturelle Toleranz zu appellieren – literarischer Anspruch und Lesegenuss inklusive.

Bettina Kugler

Lukas Hartmann (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Lukas Hartmann (Bild: ky/Gaëtan Bally)