Zwischen den Tönen singen

Musiker wäre die gängige Bezeichnung für Marcello Wick. Stimmexperimentierer könnte man ihn auch nennen. Zurzeit steht er in «Hamlet» auf der Grossen Bühne des Theaters.

Mirjam Bächtold
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«Es war nicht ganz einfach, eine Rolle für mich zu definieren», sagt Marcello Wick über seinen Auftritt in «Hamlet». (Bild: Theater/Patrick Pfeiffer)

«Es war nicht ganz einfach, eine Rolle für mich zu definieren», sagt Marcello Wick über seinen Auftritt in «Hamlet». (Bild: Theater/Patrick Pfeiffer)

Die Musik ist überall präsent in Marcello Wicks Arbeitszimmer. Da stehen ein Klavier, Djembes, eine Trompete, eine Gitarre und zwei Akkordeons. «Aber mein wichtigstes Instrument ist hier», sagt er und berührt seinen Kehlkopf. «Die Stimme ist ein Kosmos für sich. Sie bietet unendliche Möglichkeiten.» Es ist sein vielseitigstes Instrument, dem er Töne entlockt, die man im ersten Moment nicht für möglich halten würde. Zurzeit tut er dies auf der Grossen Bühne des Theaters St. Gallen in «Hamlet». Er begleitet den Auftritt des Geistes des verstorbenen Königs mit mystischen und unheimlichen Untertonklängen. Töne, die so tief sind, dass sie schon fast nicht mehr menschlich klingen. Mit den Schauspielern singt er archaischen Naturjodel, und aus seinem geöffneten Klavier holt er Klänge, die in der Klavierstunde nicht so gut ankämen. «Ich liebe die schrägen Töne, die Zwischentöne», sagt Marcello Wick.

Zweistimmig singen mit einer Stimme

Der 36-Jährige ist mit Musik aufgewachsen. In einer 11köpfigen Bauernfamilie wurde oft bei der Arbeit gesungen. «Mein Vater kannte jedes Heimatlied auswendig, von der ersten bis zur letzten Strophe.» Heute hält sich Marcello Wick lieber nicht an die Noten. Seine Leidenschaft ist das Improvisieren, sei es im Jazz, im Jodel oder mit Unter- und Obertönen. Diese Technik stammt aus der Mongolei. «Hier empfindet man sie als unheimlich, böse. Für die Mongolen ist es ihre normale Volksmusik.» Wenn er Obertöne singt, klingt das ein bisschen wie ein Dudelsack oder ein Didgeridoo. Marcello Wick singt einen immer gleichbleibenden Grundton und dann in einem hohen Pfeifen darüber «Frère Jacques» – er singt zweistimmig mit einer Stimme.

Stimmumfang von fünf Oktaven

Die Technik des Ober- und Untertonsingens hat Marcello Wick bei Christian Zehnder gelernt, dem bekanntesten Musiker für diese Gesangsrichtung in der Schweiz. Durch ihn kam er auch zum Engagement am Theater St. Gallen. «Er konnte den Auftrag nicht übernehmen und empfahl mich.» Für Marcello Wick ist es eine Gelegenheit, einem grösseren Publikum bekannt zu werden. Vor der Premiere war er nervös, aber er hat sich gefreut, in diese Welt einzutauchen. «Es war nicht ganz einfach, eine Rolle für mich zu definieren. Wer bin ich auf dieser grossen Bühne? Ein Freak? Ein Nerd? Ein Klangforscher?» Er bleibt während des Auftritts nahe bei sich, ohne jemanden zu verkörpern. Dadurch werde seine Darbietung persönlicher.

Marcello Wick ist immer auf der Suche nach neuen Klängen in den etwa fünf Oktaven, die seine Stimme umfasst. Auf die Oktaven legt Marcello Wick nicht so viel Wert. Wichtiger ist ihm die Klangfarbe, die Breite seiner Stimme im Ausdruck. «Ich möchte die Menschen mit meiner Musik berühren. Auch wenn meine Klänge nonverbal sind, sagen sie doch etwas aus», sagt der Künstler.

«Ungeübte Stimmen berühren mich mehr»

Wicks musikalische Ausbildung gleicht einer Reise durch verschiedene Stilrichtungen. In seiner Jugend spielte er Tenorhorn in einer Blasmusik, im Lehrerseminar besuchte er den klassischen Klavierunterricht, später studierte er am Winterthurer Institut für aktuelle Musik (Wiam) Jazzgesang und an der Zürcher Hochschule der Künste Chorleitung. «Danach ging die Suche nach der Stimme erst richtig los.» Heute unterrichtet er selbst am Wiam, gibt Kurse, leitet einen Erwachsenen- und einen Kinderchor und tritt in verschiedenen Formationen auf. In seiner Freizeit singt und «juuchzt» er gerne in den Bergen, auf der Suche nach dem schönsten Echo. Deshalb freut er sich, dass in «Hamlet» unsere Alpenkultur aufgenommen wird. «Es war toll, mit den Schauspielern zu jodeln, sie hätten gerne noch mehr gelernt», sagt Wick. Den Profimusiker berührt es oft mehr, wenn er einer ungeübten Stimme bei einem Zäuerli zuhören kann, als die perfekt geschulte Stimme zu hören.

Nächste Vorstellung Hamlet: Heute, 19.30, Theater St. Gallen