Zwetschge mit Faltenproblem

In Regula Espositos Programm in der Kellerbühne werden Helga Schneiders Alterserscheinungen, Fitnesswahn und Wellness zu «Hellness». Aus all dem ergibt sich ein wunderbarer Abend – gestaltet von einem Vollprofi.

Petra Mühlhäuser
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Regula Esposito als Helga Schneider in «Hellness». (Bild: Coralie Wenger)

Regula Esposito als Helga Schneider in «Hellness». (Bild: Coralie Wenger)

Nichts ist mehr, wie es einmal war: 50 ist «es schissigs Alter», findet Helga Schneider. Riesenperücke, Fünfzigerjahre-Brille, dazu immer wieder ein entwaffnend-zähnebleckendes Lachen – das Kellerbühne-Publikum kennt die Bühnenfigur der ehemaligen Acapickels-Frau Regula Esposito schon. Mit 50 hat ihre Helga im Showbiz weder Jö-Effekt noch Fossilienbonus auf ihrer Seite. Dafür Faltenwurf im Gesicht und Rundungen am Bauch, kurz: sie fühlt sich als «Zwetschge im Speckmantel».

Morgendliche Entfaltung

Die morgendliche «Entfaltung» im Bad dauert mittlerweile zwei Stunden, Sport ist Pflicht. Eine High-Tech-Gürtelschnalle, farblich passend zum rosa-gelben Trainingsanzug, verbindet die Gequälte laufend mit ihrer Ernährungsberaterin, die ihre Körperwerte überwacht. Das ist super: «Ich weiss immer, wie es mir geht», sagt sie. In «Hellness» geht es um Helgas Falten, ums Altern, Übergewicht, um Fitness- und Schlankheitswahn, Wellness-Boom und Klimawandel (also Wallungen), tektonische Verschiebungen (anatomischer Art) und Erosionsschäden. Kurz: Es geht um den Horror morgens vor dem Spiegel. «Es wird immer schlimmer», so der wiederholte Stossseufzer. Man kann es mit Kaschieren versuchen, also ab ins Kleidergeschäft – ein Techno-dröhnender Laden, der zahlreiche Tücken hat, aber keine Kleider in XL. Auch der Gang zum Schönheitschirurgen liegt nahe. Während Helga Schneider buchstäblich am eigenen Leib aufzeigt, was der Dottore alles machen will, bekommt auch ein gewisser Silvio Berlusconi sein Fett ab. Überhaupt kommt ganz und gar nicht nur die Damenwelt an die Kasse. Der Herr von heute wird nicht nur seine Frau wiedererkennen in all dem ganzen Schönheits- und Gesundheits-Wahnsinn. Und schliesslich kommen auch die Animatoren in den Fitness-Centern und Wellness-Hotels (die männlichen heissen alle Kevin) zur Sprache.

Helle Freude

Die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer, welche die Kellerbühne bis auf den letzten Platz füllen, haben recht: Dieses Weibsstück ist eine Klasse für sich. Ein Gag-sicherer Bühnenprofi mit durchdachtem Alter Ego. Schonungslos legt sie offen, was wir uns antun mit dem Schönheits- und Jugendlichkeitswahn. Und die Künstlerin hat ganz offensichtlich selber ihre helle Freude an der ganzen «Hellness». Diese kommt mal laut und mit Special effects daher, dann wieder mit subtilen schauspielerischen Mitteln: Wann hat man schon einmal jemanden so schrecklich qualvoll ein Darvida essen sehen? Ausführlich und variantenreich ergeht sich Regula Esposito darin zu zeigen, wie trocken ihre Speise ist. Für eine solche Szene in dieser Länge muss man ein Vollprofi sein. Das gilt auch für die ausführliche Massage, deren Verlauf man allein an ihrem Gesicht ablesen kann.

In musikalischen Einlagen zeigt sie sich als Cantautrice, Rapperin, Showgirl, Rockröhre. Und ist dann wieder die harmlos-banale Biederfrau mit dem Faltenproblem. Und wer es tiefgründig mag, kann auch Einsichten mitnehmen wie: «Man kann doch auch eine schöne Frau sein, ohne dass man es gleich sieht.»

Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

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