Zweifeln als Methode

LESBAR MUSIK

Bettina Kugler
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Bild: Bettina Kugler

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Philosophie, Medizin, nebenbei noch ein Gesangsstudium: Der Bariton Christian Gerhaher (Dr. med.) hat nicht den direkten Weg zur grossen Karriere als gefeierter Konzert- und Opernsänger gewählt; das prägt seinen Zugang zur Musik und sein Nachdenken darüber, auch seinen Blick auf den «Betrieb». Bezeichnend, dass das Buch am Ende kein Personenregister hat – es geht in den Gesprächen mit der Radioredaktorin Vera Baur nämlich vor allem um Gerhahers Lebensthemen: das Kunstlied, die Oper, die Umstände und Anforderungen des Sängerlebens und seine Vorstellungen von Kulturvermittlung, als Komponist spielt Robert Schumann eine herausragende Rolle. Was Gerhaher in seinen reflektierten, ausführlichen Antworten dagegen meidet, sind Anekdoten und pointierte Urteile über Sängerkollegen oder Dirigenten. Umso gehaltvoller, was er zur Aufgabe des Interpreten zu sagen hat – und zu seinen eigenen Ansätzen, um die er immer wieder neu ringt. Denn Interpretation, das ist für ihn als Sänger «das sinnliche Begreifen einer Idee». Ehrlich, gründlich und mit Gedankenschärfe lässt er sich auch als Gesprächspartner darauf ein.

Christian Gerhaher: «Halb Worte sind's, halb Melodie». Gespräche mit Vera Baur, Henschel Bärenreiter 2015, 171 S., Fr. 29.90

Neugier auf Altes

850 Jahre Musikgeschichte vereint der heute gängige Begriff Alte Musik für Werke des Mittelalters, der Renaissance und des Barocks. Sie auf 180 Reclam-Seiten darzustellen, erfordert Mut zur Lücke. Thomas Forrest Kelly geht es mehr um einen ersten, flüssig lesbaren Überblick. Dafür widmet er sich über den historischen Abriss hinaus der Aufführungspraxis. Er fragt, was uns heute fasziniert an Alter Musik, auf welche Quellen Musiker zurückgreifen und wie sich die «historische Aufführungspraxis» ihrerseits weiterentwickelt hat – interessant auch, mit welcher Neugier in den 60er- und 70er-Jahren Amateurmusiker an der Wiederentdeckung Alter Musik beteiligt waren. Ein wenig zu kurz kommt das Mittelalter; da Kelly alles andere als trocken und langweilig schreibt, hätte das Buch gut und gerne doppelt so umfangreich sein dürfen.

Thomas Forrest Kelly: Alte Musik, Reclam 2014, 181 S., Fr. 11.50

Bild: Bettina Kugler

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