Zwei verkappte Missionare

Liana Ruckstuhl und Richard Butz, beide sind in den 1940er-/1950er-Jahren aufgewachsen; schreiben, vermitteln Kultur und setzen sich mit St. Gallen auseinander. Am Ostersonntag waren sie in der Radiosendung «Persönlich» zu Gast.

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«Persönlich» (von links) mit Daniel Hitzig, Liana Ruckstuhl, Richard Butz. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Persönlich» (von links) mit Daniel Hitzig, Liana Ruckstuhl, Richard Butz. (Bild: Hanspeter Schiess)

Beim Thema St. Gallen kommen sie in Fahrt. Und beim sanften Seitenhieb auf Zürich gibt es erstmals Applaus. Am Ostersonntag geben sich Liana Ruckstuhl und Richard Butz persönlich; im Radiogespräch, bei dem sie von Daniel Hitzig eine Stunde lang interviewt werden.

Viele Fragen braucht der Moderator nicht zu stellen. Zwischen Liana Ruckstuhl und Richard Butz gibt es genügend Spannung, da springt der Funken auch so. Liana Ruckstuhl machte als Quereinsteigerin Karriere. Richard Butz gehörte einst zu den Queraussteigern; beides eine Methode, um mit St. Gallen zu Rande zu kommen.

Ankommen oder Abhauen?

«Persönlich» findet in der Lokremise statt. Interviewte und Moderator sitzen auf einer kleinen Bühne mitten im grossen Theatersaal. Zur Kulisse gehören auch die Züge, die vor der Fensterfront ein- und ausfahren. Sie zeigen sinnfällig, um was es im Gespräch immer wieder geht: Ist St. Gallen eine Stadt zum Ankommen oder Abhauen?

Liana Ruckstuhl hat sich die Frage so nicht gestellt. Sie fühlt sich in St. Gallen seit je am richtigen Platz. Nicht weil sie hier eine paradiesische Kindheit erlebt hätte, ganz im Gegenteil. Erst hatte sie eine Kinderlähmung durchgestanden; dann wurde sie mollig und Zielscheibe zickiger Bemerkungen. Sie wehrte sich auf doppelte Weise. In der Schule wurde sie die beste, das verschaffte ihr Achtung. Daneben spielte sie den Clown; das machte sie beliebt. Sie wurde Lehrerin, Autorin, Stadträtin, Ehrenfödlebürgerin.

Weite und Nähe

Liana Ruckstuhl ist im bürgerlichen Zentrum aufgewachsen, Richard Butz im Arbeitermilieu des St. Otmar-Quartiers; in einer der katholischen Vorstädte, in denen die Selbstzweifel weit stärker an den jungen Menschen nagten. In diesem Milieu entstanden die Zwischenrufe von Autoren wie Niklaus Meienberg und August E. Hohler.

Bei Richard Butz waren es seit je die Bücher, die ihm die Welt erschlossen. Erst ging's mit Karl May auf virtuellen Reisen durch die Prärie oder durch Kurdistan; dann, nach der Buchhändlerlehre auf realem Trip nach London und Westafrika. Die Erfahrung der Weite macht es möglich zurückzukehren. In ein St. Gallen, das sich in den 1980er-Jahren stark verändert hat. Ebenso die Wahrnehmung: «Provinz spielt sich im Kopf ab». Randlagen wie St. Gallen bewahren vor Selbstüberschätzung. Dafür öffnen sie den Blick über den Tellerrand hinaus.

Das letzte Abenteuer

Die Sonntagmorgensendungen des Radios sind in der Regel auf Heiterkeit angelegt. Dies gibt es an diesem Ostersonntag zwar auch. Doch beide, Richard Butz und Liana Ruckstuhl, haben noch zu viele Projekte im Kopf, als dass sie sich in Heiterkeiten von früher zurücklehnen möchten. Beide haben schon als Kind geträumt, etwas bewirken zu können. Liana Ruckstuhl als Lehrerin oder Missionarin, Richard Butz als Journalist oder Buchhändler. Heitere Erkenntnis: «Wir sind wohl beide verkappte Missionare.»

Beide haben zudem eine Leidenschaft entwickelt, die Schicksale verschiedenster Menschen wahrzunehmen, ihre Lebensentwürfe, Träume, Utopien zu sammeln. Wie Liana Ruckstuhl sagt: «Menschen zuhören, das ist heute eines der letzten Abenteuer.»

Josef Osterwalder