Zwei St.Galler zeigen in einem ehemaligen Sexkino junges Design

Fiona Schurters und Nicolas Cruz’ Modekollektion entstand mit viel St.Galler Stickerei. Die beiden Autodidakten verfügen weder über ein Modestudium noch über eine Schneiderlehre.

Christina Genova
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Nicolas Cruz und Fiona Schurter haben 20 Outfits entworfen.

Nicolas Cruz und Fiona Schurter haben 20 Outfits entworfen.

(Bilder: Urs Bucher)

Dort, wo sich noch vor wenigen Monaten ein St.Galler Sexkino befand, präsentieren Fiona Schurter und Nicolas Cruz bis Ende Januar ihre Modekollektion – überwiegend in unschuldigem Weiss gehalten. Damit spielen sie nicht auf die vorherige Nutzung der mittlerweile geschmackvoll renovierten Ladenräume an. Sondern darauf, dass beide noch «unbeschriebene Blätter» sind. Sie haben weder eine Designausbildung noch eine Schneiderlehre abgeschlossen. Trotzdem haben sie in den letzten sechs Monaten eine Kollektion entworfen, die professionell und wie aus einem Guss wirkt.

Fiona Schurter und Nicolas Cruz haben ihre Kreationen im stilvollen Ladenlokal perfekt inszeniert.

Fiona Schurter und Nicolas Cruz haben ihre Kreationen im stilvollen Ladenlokal perfekt inszeniert.

Initiiert hat das Projekt namens «Protoype» Fiona Schurter. Die 23-Jährige hat zwei Leidenschaften: Snowboarden und Mode. Vor zwei Jahren zerschlug sich wegen mehrerer Verletzungen ihr Traum, Snowboardprofi zu werden. Sie begann, auf die Karte Mode zu setzen. Im Sommer schloss Schurter das Sportgymnasium in Davos ab und machte sich auf die Suche nach einem Praktikum. Doch alle Textil- und Modeunternehmen, bei welchen sie sich bewarb, wiesen sie ab – Grund war das fehlende Studium.

Es hagelte Absagen

Fiona Schurters Zeichentalent offenbart sich bei einem Blick in ihr Skizzenbuch.

Fiona Schurters Zeichentalent offenbart sich bei einem Blick in ihr Skizzenbuch.

Doch Fiona Schurter liess sich nicht unterkriegen und sagte sich: «Jetzt erst recht!» Sie beschloss, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Die zielstrebige junge Frau suchte sich einen Job im Service, zog von zu Hause aus nach St.Gallen und belegte einen Nähkurs. Ausserdem holte sie sich ihren besten Freund Nicolas Cruz mit ins Boot – Herisauer wie sie und ebenso modebegeistert. Schurter sagt über ihn, was auch für sie selbst gilt: «Er weiss was er will.» Der gebürtige Kolumbianer, der eine Lehre als Detailhandelsangestellter im Textilbereich abgeschlossen hat, hat sogar schon Designerfahrung: Mit einem Freund entwarf er zwei T-Shirts, eines davon trägt er beim Gespräch. Die Zusammenarbeit hat funktioniert: Schurter sagt:

«Wir haben uns perfekt ergänzt.»

Ihre Stärken liegen im administrativen Bereich. «Und sie kann gut motivieren», sagt Cruz. Er hingegen kenne viele Leute und habe auch das Fotoshooting mit zwei professionellen Models organisiert, erzählt Schurter. Doch bevor es so weit war, mussten die jungen Kreativen einige Hindernisse überwinden. Als sie sich auf Sponsorensuche machten, hagelte es Absagen. Cruz hat Verständnis dafür: «Wenn man nichts vorzuweisen hat, ist es schwierig.»

Der Jugendkulturraum Flon half bei der Überarbeitung des Portfolios, beim Aufstellen des Budgets und vermittelte Adressen. Und dann klappte es: Die Kulturförderung des Kantons St.Gallen sprach ihnen 1000 Franken zu. Eine Schuhfirma steuerte weitere 500 Franken bei, der Grafiker, der Fotograf, die Stylisten, der DJ und die Models arbeiteten gratis. Bezahlt wurden hingegen die beiden Schneiderinnen, welche Schurter und Cruz bei der Umsetzung ihrer Entwürfe unterstützten.

Eine Jacke aus zwei alten Steppdecken

Der Zweiteiler mit den überlangen Beinen und Ärmeln hat Fiona Schurter aus Futterstoff nähen lassen, das Jäckchen in der Mitte hat sie mit Silikon überarbeitet . Aus edler Merinowolle ist hingegen der Pullover rechts, den Nicolas Cruz in der Schweiz hat stricken lassen.

Der Zweiteiler mit den überlangen Beinen und Ärmeln hat Fiona Schurter aus Futterstoff nähen lassen, das Jäckchen in der Mitte hat sie mit Silikon überarbeitet . Aus edler Merinowolle ist hingegen der Pullover rechts, den Nicolas Cruz in der Schweiz hat stricken lassen.

Die Stoffe, zumeist St.Galler Stickerei, kauften die Jungdesigner günstig in den Fabrikläden von Bischoff Textil, Forster Rohner und Jakob Schlaepfer. 20 Outfits entstanden, Leitmotiv ist ein silberner Chiffon, der beim fliessenden Rock des Abendkleides ebenso Verwendung findet wie als Einsatz bei den Hosen, die Schurter nach einem Entwurf von Cruz im Nähkurs anfertigte. Aus zwei alten Steppdecken aus dem Brocki entstand eine Daunenjacke, den Latex für den hautengen Bodysuit hat Cruz für wenig Geld im Internet bestellt.

Über 300 Stunden investierten Fiona Schurter und Nicolas Cruz in ihr Projekt – der Aufwand hat sich gelohnt: «Es wurde uns klar, dass Mode das ist, was wir machen möchten.» Schurter bewirbt sich beim renommierten Central St.Martins College of Art and Design in London. Cruz plant eine Weiterbildung an der Schweizerischen Textilfachschule.

Prototype, Lämmlisbrunnenstrasse 18, St.Gallen; offen 25.1./ 27.1., 14–18 Uhr und auf Anfrage: 076 305 12 54.