Zwei St.Galler Hip-Hopper bringen Kambodscha auf den Plattenteller

Nils Antenen und Nils Halter haben für ihr neues Album vergessene asiatische Musik wieder entdeckt.

Roger Berhalter
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Nils Antenen (stehend) und Nils Halter in ihrem Studio. (Bild: PD)

Nils Antenen (stehend) und Nils Halter in ihrem Studio. (Bild: PD)

Rock’n’Roll und Kambodscha, das passt auf Anhieb nicht zusammen. Doch als Elvis Presley in den 1950er-Jahren in den USA seine Hüften schwang und schwarze Musik erstmals einem weissen Massenpublikum schmackhaft machte, steckte er nicht nur seine Heimat und ganz Westeuropa mit dem Rock’n’Roll-Fieber an. Auch in Asien sog die Jugend diese neue Musik auf und tanzte dazu.

In Kambodscha gab es bis in die 1970er-Jahre ebenfalls eine lebendige Rock’n’Roll-Szene. «Wir waren wie Hippies, wir hatten Spass», sagt ein Musiker im Dokumentarfilm «Don’t Think I’ve Forgotten: Cambodia’s Lost Rock and Roll», der jene Jahre beleuchtet. Rock’n’Roll und Kambodscha passten damals bestens zusammen. In Phnom Penh erklangen die gleichen Gitarrenakkorde wie im Westen, man trug die gleichen Frisuren und tanzte die gleichen Schritte. Nur gesungen wurde in der Landessprache.

Schallplatten und Kassetten vom Flohmarkt

Nils Antenen hat sich bei den Sounds aus jener Zeit ausgiebig bedient. Der St.Galler Hip-Hop-DJ reist schon seit bald 20 Jahren regelmässig nach Asien. Dort wurde er auf den kambodschanischen Rock’n’Roll aufmerksam. Auf Flohmärkten in Thailand fand er alte Schallplatten und Kassetten, später ergänzte er die Sammlung mit Hilfe von YouTube, bis er eine Kollektion kambodschanischer Samples hatte. Zusammen mit seinem langjährigen Musikerkollegen Nils Halter alias Thedawn hat er daraus ein Album gemacht. «Into the Sanctum» heisst es und wird diesen Samstag in der Tankstell getauft.

Die kambodschanischen Klänge haben eine tragische Komponente. Beim Genozid im Land töteten die Roten Khmer ab 1975 auch zahlreiche Musiker und vernichteten die Tonstudios im Land. Westliche Musik zu besitzen wurde lebensgefährlich, und doch haben manche Aufnahmen überlebt. «Einige Einheimische hatten den Mut, diese Platten und Tapes zu verstecken. Ihnen haben wir diese Musik zu verdanken», sagt Nils Antenen, der als DJ unter dem Namen Pac-Man bekannt ist.

«Into the Sanctum» vereint 16 Hip-Hop-Beats, alle unter drei Minuten lang. So verschieden die Instrumentalstücke sind – die asiatischen Samples ziehen sich als roter Faden durch das Album. Zu hören sind Stimmfetzen, Flöten, Gitarren, Streicher und Trompeten, alles belegt mit viel Patina. Manche Tracks plätschern etwas unmotiviert dahin, bei den meisten bilden die alten Aufnahmen und die Kopfnickerbeats aber eine stimmige Einheit.

Anders als das Angesagte

Eingespielt haben Nils Antenen und Nils Halter das Album gemeinsam, für den Mix und den Feinschliff war Halter zuständig. Die beiden knüpfen mit ihrem Album am Hip-Hop-Sound der 1990er-Jahre an. Damals lernten sie sich auch kennen, als Teil des Hip-Hop-Kollektivs Trilogy. Mit den heute im Genre angesagten Klangfarben hat «Into the Sanctum» nur noch wenig zu tun. Aber Antenen winkt ab; auf eine Genre-Diskussion lässt er sich nicht ein. Den Boombap von früher lässt er genauso gelten wie die aktuellen Trap-Beats. «Vergleiche und Beurteilungen sind nicht unser Ding. Die Industrie setzt halt Trends, aber daran orientieren wir uns nicht.» Und ums Geld gehe es sowieso nicht. Die zwei Musiker stellen ihr Album gratis zum Download zur Verfügung.

Album erhältlich unter www.soundcloud.com/dj-pac-man-2 (Download oder Vinyl); Release-Party: 16.11., Tankstell

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