Zwei seltene Vögel in der Wildnis

Zum 1400. Todestag des Missionars Kolumban sind in St.Gallen Dokumente aus seinem Leben gezeigt worden. Und ein Sammelband über Gallus, seinen wichtigsten Schüler, ist präsentiert worden.

Rolf App
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Der junge Gallus wird von seinem Vater an Kolumban übergeben: Bild aus der St. Galler Galluskapelle. (Bild: Urs Bucher)

Der junge Gallus wird von seinem Vater an Kolumban übergeben: Bild aus der St. Galler Galluskapelle. (Bild: Urs Bucher)

Die Galluskapelle im Bischofsflügel des Klosters St.Gallen ist ein kleiner Raum mit einer grossen Ausstrahlung. Hier hat Gallus jenen Haselstecken in die Erde gesteckt, den man noch im 10. Jahrhundert gezeigt hat. Der Reformator Vadian hat sie abreissen lassen und hier eine Strasse geplant, doch der Zweite Kappelerkrieg hat der Reformation eine empfindliche Niederlage bereitet und auch diesem Versuch politisch motivierter Umnutzung ein Ende gesetzt.

Zwei Lebensgeschichten

So ist denn die Kapelle wieder errichtet und im 17. Jahrhundert mit eindrucksvollen Malereien an Wänden und Decke ausgestattet worden. Sie erzählen die Geschichte von Kolumban und Gallus – jenen irischen Mönchen, denen St.Gallen seine Existenz und sein prachtvolles Weltkulturerbe verdankt. Kolumbans 1400. Todestag ist denn auch gestern Anlass einer kleinen Ausstellung in der Stiftsbibliothek gewesen. Vorgestellt wurde dabei auch ein dickleibiges Buch, das die Referate eines internationalen Kongresses vor drei Jahren wiedergibt.

Wie Gallus lebte

2012 sind ebenfalls 1400 Jahre vergangen, seit Gallus sich am Flüsschen Steinach in der Wildnis des Arboner Forstes niedergelassen hat. Von Kolumban und seinen Jüngern hat er sich da getrennt, doch lebt er an der Steinach wohl nicht in der Einsamkeit, wie Max Schär in seinem Beitrag im Sammelband erklärt. Es sind Indizien, auf die Schär sich dabei stützt – wie so oft bei Gallus. Im Falle Kolumbans verfügt man über sehr viel mehr gesichertes Wissen als beim Namensgeber St.Gallens, in dessen Darstellungen sich Realität und Mythos nur schwer trennen lassen.

Kolumban, sein Lehrmeister, der um 543 in der irischen Provinz Leister geboren wird und 615 in Bobbio in der italienischen Emilia-Romagna stirbt, ist ein strenger Mann. Stiftsbibliothekar Cornel Dora führt uns in den Barocksaal und zeigt auf die Lebensbeschreibung, die schon kurz nach dem Tod Kolumbans entstanden ist. «Sie beruht auf Augenzeugenberichten. Es ist gut möglich, dass ihr Verfasser auch in St. Gallen Nachforschungen angestellt hat.» Ein weiteres Ausstellungsstück gibt Kolumbans Regeln wieder, die immer verbunden sind mit Sanktionen im Fall der Widerhandlung.

Schläge für die Unbotmässigen

«In der Regel geht es um Schläge», sagt Cornel Dora. «Allerdings muss man vorsichtig sein, bevor man ihn deswegen verurteilt. Die Gewalt war zwar durchaus eine Seite Kolumbans, aber sie gehörte auch zum alltäglichen Leben der Menschen.» Ein anderes Dokument lässt aufmerken. Es handelt sich dabei um Abschriften verschollener Briefe des Kolumban aus dem 17. Jahrhundert. In ihnen spricht er den Papst als Haupt Europas an. Das heisst, sagt Dora: «Zum erstenmal taucht da Europa als eine kulturelle Einheit auf.»

War Gallus ein Ire?

Kolumban beschreibt sich im selben Brief als einen «seltenen Vogel». Seltene Vögel sind sie beide gewesen, Kolumban wie Gallus. Menschen, die in gefährlichen Zeiten der Idee der Peregrinatio folgen, der Wanderschaft für Christus, in der es keine Rückkehr gibt. Doch während Kolumbans irische Herkunft gesichert erscheint, wird sie im Falle von Gallus immer wieder bestritten.

Zu Unrecht, wie Cornel Dora aufgrund verschiedener Indizien erklärt. Das Wort für den Abtsstab, den Gallus von Kolumban bekommt, basiert auf einem seltenen keltischen Lehnwort. Gallus' Lebensentwurf wurzelt in irischen Vorstellungen. Und: Eine Delegation irischer Mönche will ihn als Abt für das Kloster Luxeuil gewinnen. Dass Gallus neben dem Lateinischen auch das Alemannische gut beherrscht, ist für Cornel Dora kein Argument gegen die irische Herkunft. Denn, fragt er: «Gehören bestimmte Sprachskills nicht grundsätzlich zu jeder Mission, wenn sie erfolgreich sein soll?»

Überwuchert vom Mythos

Erfolgreich ist dieser Kolumban fürwahr, auf den rund hundert Klostergründungen des 7. und 8. Jahrhunderts zurückgehen. Erfolgreich ist auch Gallus, dessen Bild im Lauf der Zeit immer mehr vom Mythos überwuchert wird. Ihm ist im Jubiläumsjahr der Germanist Werner Wunderlich gefolgt, der Gallus mit Helden wie König Artus, den Nibelungen und Wilhelm Tell oder die Heiligen Drei Könige vergleicht. Der überlieferte Gallus sei «eine Gestalt, der im Wandel der Zeiten verschiedene Rollen in bestimmten Lebensstationen und Handlungssituationen zugewiesen werden; Mönch und Missionar, Asket und Büsser, Schüler und Lehrer, Wanderer und Eremit, Priester und Prediger, Wundertäter und Fürbitter, kultureller Entwicklungshelfer und frommer Querkopf».

Gallus, der nordische Mensch

All das hat im Mythos Gallus Platz. Und auch die Indienstnahme für politische Zwecke. «Gallus war ein nordischer Mensch», schreibt 1922 der faschistisch gesinnte Hamburger Archivar Paul Theodor Hoffmann. «Die Allgemeinheit sehnte sich nach ihm als dem Führer, der Zentrum und Konzentration inmitten einer Zeit der Gärung und Wirrnis war.»

Gallus und seine Zeit – Leben, Wirken, Nachleben, Verlag am Klosterhof St. Gallen 2015, 525 S.