Zwei Sätze für die Ewigkeit

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Tonhalle St. Gallen Wer sich so fleissig vergessener Komponisten angenommen hat wie der Engländer Howard Shelley, darf hin und wieder auch einen veritablen Repertoireliebling aufs Dirigentenpult legen – und das ganz altmodisch: als gedruckte Partitur, nicht digital wie sonst gern. Shelley hat sich als Dirigent und Pianist in St. Gallen mehrfach empfohlen; mit Understatement, Charme und pianistischer Virtuosität geniesst er die Sympathie des Publikums. Die Tonhalle war also am Donnerstag bis auf den letzten Platz besetzt. Sicher auch, weil das Programm mit Mozart und Schuberts h-Moll-Sinfonie lockte, der «Unvollendeten».

Shelley als Kammermusiker, neue Tiefe bei Andrea Lang

Ganz bestimmt jedoch, weil neben Mozarts glasklarem Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur (mit dem schönsten aller Mittelsätze) zudem eine seiner beliebtesten Konzertarien zu hören war, «Ch’io mi scordi di te?», mit der St. Galler Sopranistin Andrea Lang als Solistin. Lyrische Mozartpartien liegen ihr bestens; in der Arie aus dem Jahr 1786 konnte sie neue Farben zeigen – denn selten geht es in jene Lagen, die sie stets leichthin und glockenhell zum Leuchten bringt. Umso mehr unforcierte Tiefe legte sie in den Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung. Howard Shelley leitete hier wie im Konzert KV 467 vom Flügel aus – als eleganter, sensibler Kammermusikpartner, auf Augenhöhe mit dem Sinfonieorchester St. Gallen.

«Unvollendete» jedoch stand als Plakat-Lockwort und Versprechen über dem 5. Tonhalle-Konzert, und damit auch die Frage, wie Shelley den zwei Schubert-Sätzen für die Ewigkeit entgegentreten würde. Eine Vorahnung liess er schon zu Beginn des Abends mit der Ouvertüre zum Singspiel «Die Zauberharfe» aufkommen. Der düstere Schicksalston hatte nichts Raunendes; dafür drängte er unerbittlich voran, in zügigen Tempi, die nur noch deutlicher die Episoden liedhafter Seligkeit jäh ins Leere führten. Ein starker Kontrast zur Anmut und Verspieltheit seiner Mozart-Interpretation. (bk.)

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