Zwei neue Bücher aus dem Thurgau: Mord im Schulhaus und unverblümte Lyrik

Daniel Badraun gibt Krimis von Lehrerkollegen heraus und der Exil-Romanshorner Pascal Beer legt einen weiteren Gedichtband voller Ironie und Weltschmerz vor.

Bettina Kugler und Dieter Langhart
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Tatort Lehrerzimmer

Daniel Badraun (Hrsg.): Mord zur grossen Pause. Gmeiner, 284 S., Fr. 12.-

Daniel Badraun (Hrsg.): Mord zur grossen Pause. Gmeiner, 284 S., Fr. 12.-

PD

(bk.) Sicher, sie haben beneidenswert oft und lange Ferien. In der Zeit dazwischen jedoch sind Lehrerinnen und Lehrer gefordert; dem einen oder anderen Musterkind, seinen juristisch informierten Eltern oder dem allmächtigen Schulleiter würden sie hin und wieder gern den Hals umdrehen. Beides zusammen ergibt ein prächtiges Motiv für literarische Serientäter wie Daniel Badraun, Kleinklassenlehrer und Krimiautor aus dem Thurgau. Mit seiner kriminellen Energie am Laptop ist er nicht allein: 20 Berufskollegen zwischen Anfang 30 und Pensionsalter haben sich von ihm anstiften lassen zu Mord und Totschlag zwischen Lehrerzimmer, Abwartskabuff und Pausenplatz: frei erfunden, aber mit hohem Wiedererkennungswert. Verblüffend viel Selbstironie und Sarkasmus ist im Spiel, wenn sie den Blick auf das Kollegium werfen. Die einen schleichen nicht lange um den heissen Brei herum; andere müssen erst grundsätzlich werden, um dann kurzen Prozess zu machen – auf jeweils zehn bis 15 Seiten.

Daniel Badraun.

Daniel Badraun.

Reto Martin

Mal erweist sich die verdiente Hauswirtschaftslehrerin als Luder, mal hängt der Rektor nach einer exzessiven Schuldisco an der Fahnenstange. Ehrgeiz, Eifersucht, schiere Verzweiflung treiben die Täter an; den Ermittlern setzt oft ein Schultrauma zu. Das meiste ist solider Durchschnitt wie im Prüfungsaufsatz. Doch erhärtet sich von Seite zu Seite der Verdacht, dass Schulflure doch inspirierender und spannender sind, als man gemeinhin denkt.

Fucks und Frustrationen

Pascal Beer: Der wütendste Mann der Stadt. Muskat Media, 148 S., Fr. 29.50

Pascal Beer: Der wütendste Mann der Stadt. Muskat Media, 148 S., Fr. 29.50

PD

(dl) «Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?» Das fragte sich das lyrische Ich vor knapp sieben Jahren in Pascal Beers erstem Gedichtband – und es scheint noch immer auf der Suche. Beer, Autor, Verleger und Exilromanshorner, begleitet es in «Der wütendste Mann der Stadt» durch eine urbane Landschaft aus Beizen, Hotelzimmern und seiner Schreibstube, aus Fucks, Fantasien, Frustrationen. Geblieben aus «Messer in einer Blumenvase, auf die Rückkehr der Geliebten wartend» sind Kleinschreibung, freier Zeilenfall, unverblümte Sprache, Reverenz an Bukowski und Arthur Miller; neu ist die englische Sprache in einigen Gedichten. Beer kann Ironie und Weltschmerz, Philosophie und Bewusstseinsstrom, wenngleich einige Phrasen und Metaphern erzwungen oder pathetisch tönen.

Pascal Beer.

Pascal Beer.

Reto Martin

Je knapper Beer schreibt, desto mehr Stimmung erzeugt er: dramatisch und drastisch in «Die Leiche meines Onkels», lakonisch in «Alles hat seinen Preis», wo das Ich «einer Alten an den Hintern» fasst und «bei Rot über den Fussgängerstreifen» läuft in einer einsamen Welt «voller verängstigter Menschen, so wie es schon immer war». Die Stimmung ist winterlich kalt: In «Heiligabend» hat das Bahnhofbuffet zu, der wütendste Mann der Stadt geht heim und legt sich «einmal mehr zum Sterben hin, bevor der Schlaf mich vor mir selbst rettet». Schriftstellerkollege Wolfgang Bortlik steuert als Nachwort ein ironisches «Alphabet des Dichters» bei.

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