Zwei Meinungen
«Das Festival der Filme» gegen den «Glanz von Hollywood»: Wo findet das beste Filmfestival statt – in Locarno oder in Zürich?

«Locarno bleibt das Festival der Filme» meint Redaktorin Florence Vuichard. Für ihre Kollegin Anna Raymann ist und bleibt das Zürich Film Festival «ein Filmfestival, das international ausstrahlt wie kein anderes in der Schweiz».

<em>Florence Vuichard und Anna Raymann</em>
Florence Vuichard und Anna Raymann
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Warum Locarno besser ist

Es bleibt das Festival der Filme

Das Filmfestival in Locarno auf dem Piazza Grande.

Das Filmfestival in Locarno auf dem Piazza Grande.

Locarno Film Festival

Filmfestivals gibt es viele, auch in der Schweiz. Doch Locarno sticht heraus – natürlich auch, weil es mit der Piazza Grande ein Open-Air-Kino mit ebenso unvergleichlicher wie unvergesslicher Ambiance besitzt. Aber nicht nur. Die Gründe, wieso Locarno trotz wachsender Konkurrenz die unangefochtene Nummer eins bleibt, sind vielfältig: So gehört das sommerliche Filmtreffen am Lago Maggiore zur erlesenen 15er-Gruppe der A-Festivals mit anerkanntem internationalen Wettbewerb, wie Cannes, Berlin oder Venedig. Auch kann Locarno auf eine lange Geschichte zurückblicken: Es wurde 1946 und damit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet – im gleichen Jahr wie die Festivals von Cannes und Karlovy Vary. Älter sind nur Venedig (1932) und Moskau (1935).

Doch Locarno lebt nicht nur vom alten Glanz, sondern hat es in all den Jahren immer wieder geschafft, neue denkwürdige Geschichten zu schreiben. Hier ­hatte etwa 1983 der damals wenig bekann­te US-Regisseur Spike Lee seinen ersten internationalen Auftritt und wurde mit einem Leoparden für seinen ersten Spielfilm ausgezeichnet, hier mischte sich der Regisseur und Filmfreak Quentin Tarantino, dessen «Pulp Fiction» auf der Piazza Grande lief, unters Pub­likum, um in Ruhe die Retrospektive zu Frank Tashlin zu verfolgen, von Locarno aus strippten sich die britischen Arbeitslosen von «The Full Monty» zum ­Welterfolg, hier gewann der in­dische Film «Lagaan» seinen ­ersten Cricketmatch, hier mu­tierte Wim Wenders zum Leoparden, und hier wurde 2013 die spätere Oscar-Siegerin («Room») und Marvel-Actionheldin Brie Larson für ihre Leistung in «Short Term 12» vom begeisterten Pub­likum minutenlang gefeiert – im Fevi, der zugegebenermassen charmefreien Mehrzweckhalle, wo jeweils die Filme des internationalen Wettbewerbs gezeigt werden.

Vieles ist alles andere als perfekt in Locarno, das im kommenden Jahr seinen 75. Geburtstag feiern wird: Das Programm auf der Piazza Grande war in den letzten Jahren eher mittelmässig, die Plastikstühle und Lichtverhält­nisse im Fevi genügen dem cine­philen Anstrich des Programms nicht wirklich, die Liste der ge­ladenen Gäste wirkt immer wieder uninspiriert, heuer ganz besonders.

Dennoch: Locarno bleibt das Festival der Filme, der Autorinnen und Autoren, der Entdeckungen, der Herausforderungen. Und ein Filmfestival, das international ausstrahlt wie kein anderes in der Schweiz.

Florence Vuichard


Warum Zürich besser ist

Der Glanz von Hollywood

Johnny Depp auf dem Grünen Teppich am ZFF 2020.

Johnny Depp auf dem Grünen Teppich am ZFF 2020.

Keystone

Die Liebhaber und Kenner der Filmbranche richten stets ein scharfes Auge nach Zürich. Dort blickt das Zürich Film Festival (ZFF) golden zurück. Das goldene Auge ist das Logo und die Auszeichnung des Fests, und es schaut alle – egal ob Kritiker oder Stargast – gleichermassen starr an. Ob aus Loyalität oder Gleichgültigkeit? Was musste das ZFF nicht alles für Spott ertragen: Sponsoringanlass der Grossbank Credit Suisse sei es. Mehr Laufstegschau als Filmspektakel, das Cüpli wichtiger als das Kino.

Zunächst Karl Spoerri und Nadja Schildknecht, nun Christian Jungen in der künstlerischen Leitung lassen sich davon nicht beirren. Elf Tage vertreiben sie auf dem zum Foyer ausgebreiteten Sechseläutenplatz die knochige Schweizer Bescheidenheit. Die Galapartys auf hohen Hacken und im glänzenden Frack verschämen in ihrer dreisten Dekadenz den Bünzlibürger. Doch die Austernberge, die es dort à discrétion gibt, sind Zeugen ungezügelter Feststimmung. Wenn die Fans kreischen, die Kameras blitzen und Stars über den grünen Teppich stolzieren, dann ist das Hollywood, wie man es sich am Zürichsee erträumt.

Roman Polanski sorgte 2009 für einen sensationellen Skandal, als er in Zürich statt einer Auszeichnung für sein Lebenswerk einen Haftbefehl entgegennahm. In anderen Jahren waren Wim Wenders, Cate Blanchett und Arnold Schwarzenegger weniger sprengkräftige, dafür umso glanzvollere Gäste.

Am ZFF reicht es, Fan zu sein, die Expertise über Jean-Luc Godards Werk braucht es nicht, um im Nachgespräch bestehen zu können. Mag es ausgerechnet der Starrummel sein, der das Festival so zugänglich macht? Sicher half er dem Jungspund unter den Filmfestivals – frische 17 Jahre sind es gegenüber dem 74-jährigen Locarno –, rasch über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden. Diese Bekanntheit braucht das ZFF auch, das mit der geringen Unterstützung durch den Staat auf private Sponsoren angewiesen ist. Das Konzept geht auf: 2018 zählte das Festival erstmals über 100'000 Besucherinnen und Besucher.

Hat sich im dunklen Kinosaal das Auge dann vom Blitzlichtgewitter erholt, kommt er schon, der Filmgenuss. Endlich darf man sehen, was in Cannes und Venedig gefeiert wurde. Endlich entdeckt man neuen Schweizer Film, auf den das ZFF unter Jungen einen liebevollen Blick richtet. Es ist nicht das feine Autorenkino in Zürich, dafür eines, das mit Glanz und Glamour den Film dafür feiert, was er ist – Unterhaltung.

Anna Raymann

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