Zwei haben sich in der Wolle

Es ist im Kern eine einfache Geschichte um zwei Schafzüchter. Allerdings erzählt die isländische Tragikomödie «Rams» sie so authentisch, menschlich und mit lakonischem Witz, dass die Geschichte unter die Haut und zu Herzen geht.

Andreas Stock
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Ein preisträchtiger Schafbock und sein liebevoller Züchter Gummi in einer Szene aus dem bereits mehrfach preisgekrönten isländischen Spielfilm «Rams». (Bild: pd/Xenix)

Ein preisträchtiger Schafbock und sein liebevoller Züchter Gummi in einer Szene aus dem bereits mehrfach preisgekrönten isländischen Spielfilm «Rams». (Bild: pd/Xenix)

Sie sind keine Freunde, das wird mit den ersten Bildern deutlich. Dabei hätten sie allen Grund, ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zu pflegen. Die beiden Schafzüchter wohnen weitab von den nächsten Nachbarn und einem grösseren Ort, ihre Häuser sind aber kaum einen Steinwurf voneinander entfernt. Trotzdem leben die zwei alten, alleinstehenden Männer grimmig und wortlos aneinander vorbei. Getrennt fahren sie auch zum Wettbewerb, an dem der beste Schafbock gekürt wird. Um winzige 0,5 Punkte gewinnt Kiddis Schaf gegen jenes von Gummi.

Der Duft der Authentizität

Erst jetzt erfährt man zudem: Kiddi und Gummi sind nicht einfach Nachbarn, sondern Brüder. Und gegen ihre Sturheit kommt selbst das bockigste Schaf nicht an. Seit 40 Jahren reden sie nicht mehr miteinander. Mit «Rams» («Hrutar» ist der isländische Titel) sind eben nicht die Schafe gemeint, sondern die Böcke. «Der Titel ist eine Metapher für die beiden Brüder», bestätigt Regisseur Grimur Hakonarson beim Gespräch am Zurich Film Festival, wo sein Film das «Goldene Auge» im Spielfilmwettbewerb gewonnen hat. Die Geschichte von Brüdern, die nicht mehr miteinander reden, ist von realen Schafzüchtern inspiriert, die der Regisseur bei der Arbeit an einem Dokumentarfilm kennen lernte. Diese Verwurzelung in der Realität muss «Rams» gar nicht hervorheben. Die in ihrer kargen Schönheit präzisen wie ungekünstelten Bilder atmen den Duft von feuchter Schafwolle und moosigen Böden. Eine Welt, die Hakonarson vertraut ist. Seine Eltern waren auf Farmen gross geworden. «Ich habe als Kind oft die Sommer auf der Farm meines Grossvaters verbracht.» So muss es nicht verwundern, wie authentisch er den Alltag und die Mentalität dieser Menschen beschreibt, ihre Verbundenheit mit den Schafen.

Die Seuche geht um

Es ist dann nicht nur ein emotionaler, sondern ein existenzieller Schlag für die Schafzüchter, dass Kiddis preisgekrönter Bock krank wird. Weil das Tier seine gefährliche Seuche womöglich an der Schafschau übertragen haben könnte, verlangen die Behörden, dass sämtliche Schafe im Tal getötet werden. So soll eine weitere Ausbreitung verhindern werden. Der introvertierte, ruhige Gummi und sein exzentrischer, polternder Bruder gehen entsprechend unterschiedlich mit der aufgezwungenen Vernichtung ihrer Herde um. Kiddi rebelliert, wehrt sich mit Händen und Füssen. Gummi befolgt die amtlichen Anweisungen scheinbar fast zu beflissen.

Die Tragödie, die eine solche Seuche für die Farmer bedeutet, wird in «Rams» zwar in aller Härte gezeigt. Doch Grimur Hakonarson folgt erzählerisch der skandinavischen Tradition, dass im Drama auch schwarzer Humor steckt. «Es ist schwierig zu erklären, woher das kommt», sagt er dazu. «Es ist auch gar nicht so einfach, die Balance zwischen Drama und Humor zu finden. Aber eigentlich steckt ja schon in der Situation von Brüdern, die Jahrzehnte nicht mehr miteinander sprechen, viel Absurdität», sagt der Regisseur. Allerdings sei ihm wichtig gewesen, dass sich der Film emotional erschliesse. Das gelingt ihm wunderbar. Die menschliche, universelle Erzählung, die wie beim Scheren der Schafe unter einer dicken Wolle von Verbitterung und Feindseligkeit freigelegt wird, entpuppt sich als unerwartet sensibel und berührend.

Casting für die Schafe

Viel dazu tragen die hervorragenden Schauspieler bei, die die zwei einsamen Sturköpfe mimen. Die isländischen Theaterschauspieler Sigurdur Sigurjonsson und Theodor Juliusson verkörpern die Schafzüchter ungemein glaubwürdig. Hakonarson erzählt, dass er mit ihnen viel Zeit auf einer Farm verbracht habe, wo sie viele der alltäglichen Arbeiten mitgemacht und Traktorfahren gelernt hätten. Selbst für die Schafe führte er ein Casting durch – weil er Tiere brauchte, die auf das Filmteam nicht scheu und ängstlich reagierten; Hakonarson listet die Namen aller Schafe dann auch im Abspann auf.

Viel zu reden wird das offene, überraschende Ende dieses melancholischen Kleinods von einem Film geben. Er habe lange am Schluss gearbeitet und Varianten verworfen. «Bei Publikumsgesprächen war es meist die erste Frage: Wie geht denn die Geschichte aus?», erzählt der Isländer. «Aber ich habe gemerkt, dass es nicht gut war, wenn ich jeweils verraten habe, welche Variante ich mir vorstellen kann. Ich zerstörte damit die Deutung, die sich manche Zuschauer gegeben haben. Darum habe ich damit aufgehört.»

«Rams» ab 1.12. im Kinok St. Gallen und ab dem 3.12. in weiteren Kinos in der Region.