Zwanghaft verliebt in eine Geige

Der Auftritt des Ensembles von Joshua Monten mit der Freitagsakademie Bern war einer der Höhepunkte im Rahmen des schweizweit beachteten Festivals tanz:now im Phönix-Theater Steckborn.

Ursula Litmanowitsch
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Das Ensemble von Joshua Monten zeigt alle Variationen von Liebe. (Bild: pd/Philip Ziniker)

Das Ensemble von Joshua Monten zeigt alle Variationen von Liebe. (Bild: pd/Philip Ziniker)

STECKBORN. Das Projekt «Delirio amoroso» mit zeitgenössischem Tanz zu Alter Musik ist ein gelungener Mix. Bei der Aufführung in Bern liefen einzelne Zuschauer zwar aus der Vorstellung, in Steckborn erntete die Truppe hingegen frenetischen Applaus. Das Stück um Liebe und Leid ist im zweimal voll besetzten Phönix-Theater definitiv angekommen.

Kämpfe werden zu Krämpfen

Begleitet von der Live-Formation Berner Freitagsakademie, die sich der Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert verschrieben hat, zeigte das Ensemble von Joshua Monten alle Variationen von Liebe. Taumelnd, träumend, tastend finden Menschen zueinander. Sie projizieren ihre Emotionen auf das Gegenüber. Die Erwiderung bleibt aus oder findet statt. Kämpfe werden dort zu Krämpfen, wo die Liebe unerfüllt ist. Die Emotionen spitzen sich zu im Begehren nach dem scheinbar Unerreichbaren.

Der Abend gipfelt in einer Passage, die der zwanghaften Objektliebe gewidmet ist. Ein Tänzer verknallt sich in eine Geige und befriedigt sich mit dem Instrument. Seine Körpersprache setzt deutliche Signale, bleibt aber dennoch im Abstrakten.

Höllische Vergewaltigungsszene

Auch Dominanz und Unterwerfung sind thematisiert. Fast unerträglich wird es dort, wo die Liebe nur noch Triebe freisetzt. Die Vergewaltigungsszene ist eine höllische Performance, die aber in der künstlerischen Umsetzung alle reisserischen Attribute verliert und zur tänzerischen Höchstform transformiert ist. Derrick Amanatidis, Raquel Mirò, Nicky Vanoppen und Jack Wignall sind ein eingespieltes Quartett, ihr Ausdrucksmittel ist neben der prägenden Körpersprache auch ihre starke Mimik. Die feinen Gesten beherrschen sie ebenso wie die kraftvollen Sprünge.

Italienische Sängerin

Das Barockorchester Freitagsakademie spielt jederzeit mit viel Verve und geht auf die Tanzenden ein, ohne sich dabei anzubiedern. Die italienische Sängerin Pamela Lucciarini gibt der Händel-Kantate «Delirio amoroso», nach der das gesamte Programm benannt ist, ihr unverwechselbares Gepräge. Sie verbindet in ihrer Singstimme den authentischen Klang mit der Ästhetik des Lieblichen. Dadurch rührt sie an das Innerste im Zuhörenden.

Den Barock rocken

Für eine komplette Kongruenz zwischen Tanz und Musik sorgt auch die Wiedergabe von «La Follia» für Streicher und Continuo, wo die Musiker mit sichtlicher Spielfreude den Barock rocken. Insgesamt ist die Verbindung zwischen Alter Musik und zeitgenössischem Tanz in dieser Heirat voll geglückt. Die Liebesenergie wird neu definiert. Das zarte Flämmchen der ersten Begegnung wird in der Liebesorgie zum lodernden Feuer, wo die Annäherung sowohl musikalisch als auch musikantisch den Takt vorgibt.

Leiden und Lieben schluchzt in Scarlattis Toccata für Cembalo auf und verebbt schliesslich im Nachhall der zuckenden Körper der Tänzer.

Do/Fr, 23./24.4.: Urban Dance