«Zuverlässiger als die Post»

Green Day gibt es seit 25 Jahren. Nun legen die US-Punkrocker Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool gleich drei Studioalben vor. Und erklären im Interview, weshalb auf sie mehr Verlass ist als auf die Post. Roman Elsener

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Seit einem Vierteljahrhundert sind sie Green Day: Tré Cool, Billie Joe Armstrong und Mike Dirnt (v. l.). (Bild: pd)

Seit einem Vierteljahrhundert sind sie Green Day: Tré Cool, Billie Joe Armstrong und Mike Dirnt (v. l.). (Bild: pd)

25 Jahre sind eine lange Zeit für eine Punkband. Was ist das Rezept für die Langlebigkeit?

Mike Dirnt: Wir haben uns nie verstellt und haben kein grosses Theater um uns gemacht.

Billie Joe Armstrong: Als Musiker muss man allem voran ein Fan von Musik sein. Wir sind nahe am Geschehen und interessieren uns dafür, was andere Bands machen. Neue Bands wie etwa The Biters, aber auch ältere Helden wie die Buzzcocks, die immer noch durch die Welt touren und eben in Oakland gespielt haben.

Viele andere Punkbands sind verschwunden. Wie oft waren Green Day in der 25jährigen Bandgeschichte eigentlich dem Ende nahe?

Dirnt: Nie. Ein einziges Mal haben wir darüber gesprochen, ob wir vielleicht eine Pause einlegen sollten.

Tré Cool: Green Day ist verlässlicher als das Kabelfernsehen oder die Telefongesellschaft. Diese Dinge wechseln alle vier, fünf Jahre. Green Day bleiben aber immer gleich – wir sind zuverlässiger als die Post! Und wir sind gute Freunde. Ich kann am Klang der Schritte erkennen, welcher von diesen beiden Herren ins Zimmer kommt.

Fast 50 Songs sind auf den drei neuen Scheiben, die in den nächsten Monaten erscheinen. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen einmal die Ideen ausgehen?

Armstrong: Ich glaube nicht an einen Schreibstau. Wenn man für sich selber schreibt und nicht an eine bestimmte Art Musik oder einen Schreibstil gebunden ist, dann gibt es das nicht.

Wie stellen Sie sich einen Abend zu dritt in 30 Jahren vor?

Cool: Dann bin ich 70 Jahre alt, mit einer etwa 32jährigen Schweizerin verheiratet, wohne an einem See und spiele Schlagzeug, wenn Billie Joe und Mike zu Besuch kommen.

Armstrong: Es gibt alte Bluesmusiker, die spielen bis zu ihrem Todestag. Ich glaube, Howlin' Wolf starb auf der Bühne. In 30 Jahren sind wir anstelle von alten Bluesmusikern die alten Punks.

Und welchen Rat halten Sie für junge Punks bereit?

Armstrong: Behaltet Eure Einstellung – solange man gewillt ist, sich mit dem Alter weiterzuentwickeln. Es ist ein grosser Unterschied zwischen jung und wütend und alt und bitter. Menschen sollten altern wie eine gute Flasche Wein. Statt saure Trauben zu bleiben, sollten wir zu süssem Merlot werden.

Verpacken Sie solche Weisheiten in Ihre Texte?

Armstrong: Mit der Zeit wird man vielleicht etwas weiser, und manche Zeilen werden wichtiger. John Lennon hat erst später politische und persönliche Songs geschrieben und wurde zu einem der ersten Songwriter, der seine Ansicht der Welt in ein Lied verpacken konnte, wie zum Beispiel in «In My Life». Mir geht es beim Schreiben wie einem Maler, der sich inspirieren lässt von allem und jedem, von einem Satz, einer Bewegung, einem Charakter, dem Versagen der Politik…

Spätestens seit dem Hitalbum «American Idiot» nehmen Green Day politisch kein Blatt vor den Mund.

Armstrong: Es ist an jedem, selbst zu entscheiden, ob man eine politische Botschaft nach aussen trägt. Obwohl wir im kalifornischen Berkley in einer politisch aufgeladenen Atmosphäre aufgewachsen sind, waren wir lange Zeit keine politische Band. Das änderte sich mit «American Idiot». Hoffentlich werden neue Songs wie «99 Revolutions» der Occupy-Bewegung dienen – und die Reichen zur Kasse gebeten.

Was denken Sie: Wird Barack Obama im November die Wiederwahl gelingen?

Dirnt: Mitt Romney hat keine Ahnung. Ihm fehlt jegliche Beziehung zum Volk. Er scheint keine Vision zu haben. Deshalb glaube ich, dass es Obama schafft. Nicht, dass er alles richtig machen würde, aber er ist bodenständiger.

Cool: Und seine Frau Michelle hat einen Gemüsegarten hinter dem Weissen Haus angelegt. Der sollte mindestens vier weitere Jahre gepflegt werden.