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Die Voyeure St.Gallen: Zuschauen ohne Scheuklappen

Wöchentlich treffen sich die Voyeure St. Gallen und sehen gemeinsam ein Stück an. Ob Schauspiel, Tanz, Performance, Oper – sie gehen unbefangen in die Vorstellung und tauschen sich danach lebhaft aus. Emma, 17, und Gregor, 24, verpassen selten einen Abend.
Bettina Kugler
Treffpunkt Grabenhalle: Emma Zünd und Gregor Juon im Ausgang – als Voyeure. (Bild: Michel Canonica)

Treffpunkt Grabenhalle: Emma Zünd und Gregor Juon im Ausgang – als Voyeure. (Bild: Michel Canonica)

Oft genügt Emma bereits ein ungewöhnlicher Titel, und die Neugier, die Vorfreude auf den Theaterabend sind geweckt. So war es etwa bei «Ich bin nicht menschlich» im St. Galler Theater 111, einem Stück über künstliche Intelligenz. Ebenso bei «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen» im Palace. Was da zu erwarten sein würde? Keine Ahnung! Es spielte auch keine so wichtige Rolle. Denn eines steht für die 17-jährige Emma jedes Mal fest:

Spätestens nach der Vorstellung wird es spannend – im Austausch mit den anderen Voyeuren.

«Voyeure», so nennt sich das Grüppchen junger Theaterbegeisterter aus St. Gallen und Umgebung, ins Leben gerufen von der Kunst- und Theaterpädagogin Rahel Flückiger und der Szenografin Helen Prates de Matos nach dem Vorbild bereits existierender Gruppen in Basel, Bern, Zürich und anderen Schweizer Städten. Nach einer Pilotphase im letzten Jahr haben sie sich zur ersten Saison angemeldet und treffen sich nun wöchentlich zum gemeinsamen Theaterbesuch.

Auch Live-Fussball hat etwas von Theater

Bezahlt haben sie nur einmal, zu Beginn der Spielzeit: 300 Franken, einen Betrag, den Schüler, Lehrlinge und Studierende sich leisten können. Unterdessen sind sie so begeistert dabei, dass sie auch hin und wieder zum vollen Preis in eine Vorstellung gehen, wenn sie den Termin mit den Voyeuren verpasst haben. Emma hat sich beispielsweise «Falsh Gordon» noch nachträglich angeschaut. «Für Kultur gebe ich gern Geld aus», sagt Gregor Juon. Mit 24 Jahren gehört er zu den älteren in der Gruppe; er arbeitet in einer Werbeagentur. Andere gehen an die Kanti, Emma macht eine Lehre als Textildesignerin.

Das Projekt wird von Pro Helvetia unterstützt, von Stiftungen, der Kulturförderung der Kantone St.  Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Innerhalb dieser Region liegt auch der Aktionsradius der Voyeure. Sie beschränken sich weder auf Bühnen in der Stadt St. Gallen noch auf Schauspiel. Vielmehr schnuppern sie an möglichst vielen Orten Theaterluft. Sie schauen sich Opern an, Tanz, Performances, Experimente, waren im Stadttheater, in der Kellerbühne, im Trogner Kronensaal, der Grabenhalle. Auch ein Live-Fussballmatch steht auf dem Programm. Den Begriff Spektakel fassen sie weit. «Klar, zwischendurch gibt es Stücke, mit denen ich zunächst überhaupt nichts anfangen kann», sagt Gregor Juon.

«Doch ob es dir gefällt oder nicht, mit den anderen in der Gruppe ist es immer spannend.»

Ein Netzwerk von Gleichgesinnten

Gregor kommt aus Graubünden. Er suchte zunächst nach einem jungen Amateurtheaterclub am neuen Wohnort St. Gallen, wurde aber nicht fündig. Doch die Voyeure sind für ihn eine gute Alternative. Persönliche Vorbereitung wird nicht erwartet. Lieber lassen sie sich überraschen. «Wo keine festen Erwartungen sind, können sie auch nicht enttäuscht werden», sagt Gregor. Für den Austausch haben sie eine feste Struktur. «Zunächst geht es um die Wahrnehmung, noch ohne Wertung: Was haben wir gesehen? Dann versuchen wir eine Interpretation, zum Schluss kann jeder seine persönliche Meinung äussern, muss aber nicht.» Gregor grinst.

«Wir sagen ‹Uskotzete›dazu.»

Keiner muss ein Blatt vor den Mund nehmen; «wir reden locker drauflos», sagt Emma. Etwa eine Stunde dauert die Runde. Man kann, muss aber nicht zwingend Stellung beziehen. Die regelmässigen Treffen schaffen einen vertrauensvollen Rahmen. «Ich gehe auch gern, weil mir die anderen sympathisch sind. Und wenn ich in eine andere Stadt in der Schweiz komme, gibt es da auch Voyeure, ein Netzwerk.»

Man wird ja noch was sagen dürfen

Oft kommen Regisseure oder an der Produktion beteiligte Schauspieler und Tänzer hinzu – nicht immer ist es ein Gewinn für die Diskussion. «Hin und wieder hatten wir das Gefühl, sie fühlen sich dabei herausgefordert, sich zu rechtfertigen. Oder sie sind an unserer Meinung gar nicht interessiert.» Meist aber sei es «cool», mit den Künstlern abseits der Bühne ins Gespräch zu kommen. Denn auch nach der Vorstellung passt der schöne Stücktitel: Man wird ja noch was sagen dürfen.

Schnuppern ist während der Saison nach Vereinbarung möglich. www.dievoyeure.ch/stgallen

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