Zurück in die 90er

Comeback Die Grunge-Veteranen Soundgarden knüpfen mit «King Animal», dem ersten Studioalbum seit 16 Jahren, nahtlos an die Vorgänger an, ohne nostalgisch zu werden. Sarah Gerteis

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zoom - Soundgarden

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Als Chris Cornell Anfang 2010 via Facebook und Twitter die Reunion von Soundgarden verkündete, war das zwar eine kleine Sensation, die Reaktionen aber waren geteilt. Kaum jemand hatte an ein Comeback der Grunge-Pioniere aus Seattle geglaubt, und bis auf eingefleischte Fans hatte wohl auch kaum jemand darauf gewartet. Dass Sänger Chris Cornell, Schlagzeuger Matt Cameron, Gitarrist Kim Thayil und Bassist Ben Shepherd wieder gemeinsame Sache machten, konnte nur einen Grund haben: Geldsorgen, die man mit ein paar lukrativen Konzerten und der Neuauflage alter Hits aus der Welt schaffen wollte. Die im gleichen Jahr veröffentlichte Best-of-Compilation «Telephantasm» nährte entsprechende Gerüchte. 2011 jedoch verkündete die Band, dass sie im Studio sei, um eine neue Platte aufzunehmen.

«Vom Business aufgefressen»

Seit gestern steht «King Animal» in den Läden (siehe Kasten). Mit dem Album schreiben Soundgarden ihre Geschichte weiter, die 1994 mit «Superunknown» und Hits wie «Black Hole Sun» ihren Höhepunkt erreichte und die 1997, ein Jahr nach Veröffentlichung von «Down on the Upside», mit der Auflösung der Band ein vorläufiges Ende fand. Von musikalischen und persönlichen Differenzen war die Rede, und man sei «vom Business aufgefressen worden», sagte Schlagzeuger Matt Cameron damals.

Hype mit Nebenwirkungen

Soundgarden waren nicht nur Opfer ihres eigenen Erfolges geworden, sondern auch Opfer eines riesigen Hypes, der in den frühen 1990er-Jahren Bands wie Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains oder The Screaming Trees in die Charts katapultierte. Grunge, eine Mischung aus Punk und Metal, war geboren, und Seattle wurde zur Hochburg dieses Musikstils erklärt, der mit Nirvanas «Smells Like Teen Spirit» wider Erwarten massentauglich geworden war. In der Folge rissen sich die grossen Plattenfirmen um die Bands und machten aus den langhaarigen Anti-Stars in ihren karierten Flanellhemden Trendsetter.

Nach dem Selbstmord von Nirvana-Frontmann Kurt Cobain 1994 begann das von Medien und Marketing-Strategen aufgebauschte Grunge-Konstrukt mehr und mehr zu bröckeln. Bis auf Pearl Jam verschwanden die Seattle-Bands langsam wieder im Untergrund oder lösten sich wie Soundgarden auf.

Bei anderen Bands mitgespielt

Der Musik aber kehrten die ehemaligen Mitglieder nie den Rücken. Matt Cameron wurde Schlagzeuger bei Pearl Jam, Kim Thayil spielte unter anderem für das Nebenprojekt Probot des ehemaligen Nirvana-Drummers Dave Grohl Gitarre, und Ben Shephard unterstützte den Screaming-Trees-Sänger Mark Lanegan am Bass. Chris Cornell nahm in den letzten Jahren mehrere Solo-Alben auf und gründete mit ehemaligen Musikern von Rage Against the Machine die Band Audioslave.

Diese 16jährige Soundgarden-Schaffenspause hat der Band nicht geschadet – im Gegenteil. «King Animal» klingt so, als wären Soundgarden nie weg gewesen. Als hätte sie die Musikindustrie unverdaut wieder ausgespuckt.

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