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Der Thurgauer Kulturpreisträger Jossi Wieler: Zurückhaltend und zielstrebig

Er ist einer der erfolgreichsten Regisseure und Intendanten des deutschsprachigen Raums: der gebürtige Kreuzlinger Jossi Wieler. Am Donnerstag hat er den Thurgauer Kulturpreis erhalten.
Dieter Langhart
Der Thurgauer Kulturpreis 2019 geht an an Jossi Wieler. Regierungsrätin Monika Knill überreicht ihm die Urkunde. (Bilder: Andrea Stalder)

Der Thurgauer Kulturpreis 2019 geht an an Jossi Wieler. Regierungsrätin Monika Knill überreicht ihm die Urkunde. (Bilder: Andrea Stalder)

Er ist ein Weltbürger, und doch hat er die Heimat seiner Kindheit nie vergessen: Jossi Wieler. Und jetzt ist ihm – man möchte sagen: endlich – der Thurgauer Kulturpreis verliehen worden. Jossi Wieler, kürzlich 68 geworden, ist ein international gefragter und erfolgreicher Theater- und Opernregisseur. Von seinem Vater, dem Geschäftsmann Robert Wieler, hat er den liberalen jüdischen Geist gelernt und das tätige Handeln: «Dass man sich kümmern muss um die Mitmenschen, dass man Sorge trägt für die Gemeinschaft und ihren Zusammenhalt war eine Selbstverständlichkeit im Hause Wieler und der dort gelebte Alltag.»

Das sagte Hajo Kurzenberger in seiner Laudatio gestern Abend im Seemuseum Kreuzlingen, in des Weltmanns alter Heimat. «Es ist etwas Kostbares, diese Verbundenheit zu spüren», sagte Jossi Wieler im Mai, als er von der Ehre erfuhr. Und gestern bedankte er sich, sichtlich gerührt, über die Auszeichnung. Schon vor zehn Jahren sei sein Name auf der Liste der Kulturkommission gestanden, sagte Präsident Hans Jörg Höhener.

Er trug den guten Geist des Thurgaus in die Welt hinaus

Regierungsrätin Monika Knill wählte in ihrer Ansprache diese Perspektive: «Was bedeutet es für den Thurgau, einen international renommierten Regisseur ‹hervorgebracht› zu haben?» Sie zog eine Parallele zwischen dem Thurgau – einem kleinen, ländlich geprägten Kanton, eher belächelt und unterschätzt, aber von Stolz erfüllt – und dem, der ausgezogen war, den guten Geist des Thurgaus in die Welt zu bringen. Jossi Wieler sei kein Regisseur, der diktiere und sich lautstark durchsetze: «Jossi Wieler ist als Mensch zurückhaltend», aber zielstrebig wie der Thurgau.

Hajo Kurzenberger, Dramaturg, Regisseur und Professor, kennt Jossi Wieler und seine Inszenierungen sehr wohl. Seine Laudatio beginnt er mit Wielers Leistungen und Verdiensten, auch um «den Preisverleihern zu bestätigen, dass sie mit ihrer Entscheidung richtig liegen». Und das zahlreich erschienene Publikum lachte.

Doch Kurzenberger gewichtet in seiner ausgezeichneten Laudatio. Er erzählt, wie der Jelinek-Spezialist eines seiner wichtigsten Themen für die Bühne gefunden hat: «das gemeinsame Erinnern der jüdisch-deutschen Unheilsgeschichte, dem Zivilisationsbruch des Holocaust».

«Genau hinschauen mit spielerischem Humor»

Nicht Trophäen und Preise seien wichtig, sondern dass sich Jossi Wieler stets als Kind dieser Stadt und Region verstanden und gefühlt habe. Wielers Gelassenheit und sein rastloses Schaffen führt er auf seine thurgauische Herkunft zurück. Er nennt ihn einen «hüpfenden Teamplayer», bei dessen Proben es nicht nur frivol, sondern auch anarchisch zugehe. Seine Gereimt- und Ungereimtheiten fasst er als soziale Kompetenz zusammen, «die fundamentale Voraussetzung für die soziale Kunstform Theater, die er so hingebungsvoll und eigensinnig gekonnt ausübt».

Eines von Jossi Wielers Lieblingsfächern sei Heimatkunde gewesen, und sonntags sei er oft mit Mutter, Vater und Geschwistern am Untersee gewandert – auch deshalb habe Jossi Wieler häufig Familienbilder auf der Bühne szenisch arrangiert und thematisiert.

Die Familie hat in den 70ern ihren zionistischen Traum verwirklicht und ist nach Israel gezogen. «Doch Jossi Wieler ist zurückgekommen», sagt Hajo Kurzenberger, «und hat vielen Menschen durch seine Theaterarbeit vor Augen geführt, was helfen kann gegen Borniertheit, gegen ideologische Verblendung und menschenverachtenden Fanatismus: zuhören, genau hinschauen, präzise artikulieren mit jenem spielerischen Humor, den das Leben und das Theater braucht».

Lieder aus dem Ensemble der Staatsoper Stuttgart: Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Matthias Klink (Tenor).

Lieder aus dem Ensemble der Staatsoper Stuttgart: Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Matthias Klink (Tenor).

Wunderbar passen dazu die Lieder, die Helene Schneidermann und Matthias Klink von der Staatsoper Stuttgart singen, begleitet von der Thurgauerin Andrea Wiesli am Flügel. Darunter sind deutsche, hebräische und jiddische Lieder – und Matthias Klink erlaubt sich zum Schluss einen Ausflug in die geliebte Operette: etwas, das Jossi Wieler ihm als Intendant in Stuttgart nie gestattet habe.

Monika Knill überreicht dem Geehrten Urkunde und Blumenstrauss. Und dann wendet sich Jossi Wieler ans Publikum – in der ersten Reihe sitzen seine Frau und seine zwei Geschwister, die aus Israel angereist sind. Und vorn sitzen auch manche seiner Mitschüler von damals und einer seiner Lehrer.

Josi Wieler, sichtlich gerührt, blendet zurück in seine Kindheit und Jugend, freut sich, dass die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz nicht mehr dicht ist wie vor achtzig Jahren. Rechtzeitig waren seine Grosseltern von Konstanz nach Kreuzlingen gezogen – während andere drüben blieben. Jene, die nicht ins Exil gingen, wurden deportiert. Dann holt Jossi Wieler sein Heimatkundeheft aus der vierten Klasse hervor und liest, was er sich zu Kreuzlingens vier Wasserreservoirs aufgeschrieben hatte, und die Zuhörer applaudieren.

Jossi Wieler wendet sich nach der Preisverleihung an die Zuhörer und zeigt sein Heimatkundeheft der vierten Klasse.

Jossi Wieler wendet sich nach der Preisverleihung an die Zuhörer und zeigt sein Heimatkundeheft der vierten Klasse.

Jossi Wieler

1951 in Kreuzlingen als Sohn einer jüdischen Fabrikanten­familie geboren und aufgewachsen. Studium der Regie in Tel Aviv, Regisseur und Intendant an den wichtigen deutschsprachigen Häusern wie Schauspielhaus Hamburg, Münchner Kammerspiele, Schaubühne Berlin, Semperoper Dresden, Salzburger Festspiele, Schauspielhaus Zürich, Theater Basel; 2011 bis 2018 Intendant der Staatsoper Stuttgart. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen.

Die Vorschläge der Kulturkommission

Hans Jörg Höhener erklärte, wie die Kulturkommission mithilfe des Kulturamts alljährlich nach valablen Kandidaten für den Thurgauer Kulturpreis sucht – Persönlichkeiten oder Institutionen –, darüber diskutiert und dem Regierungsrat zwei Vorschläge unterbreitet. Und er erklärte, warum es so lange gedauert habe für Jossi Wieler. Die Oper sei gegenläufig zum ländlichen Thurgau, und man habe Wieler als Theatermann zu wenig beachtet.

Ausschlaggebend für Jossi Wieler sei die herausragende Qualität seiner Arbeit gewesen. Dass er nie im Thurgau oder für den Kanton gewirkt habe, widerspreche an sich den Kriterien der Preiswürdigkeit – darum hoffe er, einmal eine kleine Wieler-Oper im Thurgau zu erleben. Und Hans Jörg Höhener sagte noch etwas Wichtiges: Dass es dem Thurgau gut anstünde, ein Stück Geschichte aufzuarbeiten – jene der kleinen jüdischen Gemeinde in Kreuzlingen, der Jossi Wielers Familie angehört hat und die 2016 aufgelöst worden ist.

Text der Urkunde zum Thurgauer Kulturpreis 2019

«Der Regierungsrat des Kantons Thurgau verleiht Jossi Wieler Regisseur den Thurgauer Kulturpreis 2019. Jossi Wieler ist ein international sehr erfolgreicher und mehrfach ausgezeichneter Theater- und Opernregisseur. In Kreuzlingen aufgewachsen, führte ihn sein Studium nach Tel Aviv. Anschliessend war er an vielen wichtigen Häusern im deutschsprachigen Raum tätig, unter anderen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, an den Münchner Kammerspielen, an der Schaubühne Berlin, bei den Salzburger Festspielen, am Theater Basel und am Schauspielhaus Zürich. Von 2011 bis 2018 war er Intendant der Staatsoper Stuttgart.

Jossi Wielers Arbeiten sind still, sensibel und eindringlich. Sie stehen immer im Dienst des Theaterstücks oder der Opernpartitur. Dabei gelingt es Wieler, Situationen und Bilder zu schaffen, die in den Köpfen von Publikum und Kritikern hängen bleiben. Auch wenn er klassische Werke interpretiert, geschieht dies immer aus seiner Zeit heraus. Er stellt Bezüge her zu gesellschaftlichen und politischen Zuständen der Gegenwart. Jossi Wielers erklärtes Ziel ist es, mit seiner künstlerischen Arbeit neue Perspektiven auf das scheinbar Bekannte zu eröffnen. In seiner Arbeit ist ihm insbesondere auch der Dialog mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern sowie dem Team wichtig. Der Regierungsrat dankt Jossi Wieler für seine herausragenden Leistungen und spricht ihm dafür seine Anerkennung aus.»

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