Zum Schluss ein Moskitotanz

In der Reihe «Œuvres Suisses» ist heute in der Tonhalle St. Gallen «Skan» von Helena Winkelman zu entdecken. Die Tonalität sei auch heute längst nicht erschöpft, meint die Komponistin.

Martin Preisser
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Die Basler Komponistin Helena Winkelman. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 24.Oktober 2016))

Die Basler Komponistin Helena Winkelman. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 24.Oktober 2016))

«Wo die schönen Trompeten blasen» – diese Textzeile ist Motto des 2. Tonhallekonzerts und verweist auf Gustav Mahlers Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn». Bei Helena Winkelman bläst die Tuba ein anspruchsvolles Solo. Das neue Stück der Basler Komponistin und Violinistin heisst «Skan» und ist für Bläser und Perkussion geschrieben.

Die Schwierigkeiten im Zugang zu zeitgenössischer Musik bestünden beim Publikum nicht in der Atonalität, wie man oft vermute, sondern entstünden, wenn die Partitur zu wenig rhythmische Stringenz habe, sagt die 1974 in Schaffhausen geborene Helena Winkelman. Diese Stringenz sei ihr wichtig. Die Musikerin ist begeistert von Bela Bartóks 2. Streichquartett: «Ein Musterbeispiel an rhythmischer Stringenz, ein Stück, das die Rockmusik erfunden zu haben scheint.» «Skan» ist der zweite, rund fünfzehnminütige Teil eines insgesamt einstündig konzipierten Orchesterwerks. «Skan» ging «Vers l'ouvert» voraus, das die Basel Sinfonietta vor acht Jahren aus der Taufe hob.

Gerechnete und empfundene Zeit

In «Skan», einem Begriff aus der Welt der nordamerikanischen Ureinwohner, geht es um das Geheimnis hinter der Bewegung, um die Spannung zwischen exakt notierter Zeit und empfundener Zeit. Helena Winkelman untersucht in «Skan» auch Ein- und Ausschwingvorgänge regelmässiger Wellen. Diese Schwingungsvorgänge verlängert sie kompositorisch. «Der Hörer soll Raum gewinnen», sagt sie.

Ein harmonisch wichtiges Element in «Skan» ist die Auseinandersetzung mit einem Akkord aus Igor Strawinskys «Symphony for Winds», den Helena Winkelman mikrotonal, also in minimen Tonhöhenveränderungen verschiebt. Zeitgenössische Musik mit ihrem immer wieder mal versperrten Zugang für den Hörer, der erstmals mit einer neuen Partitur konfrontiert ist: Im Gespräch mit Helena Winkelman fällt mehr als einmal die Formulierung «dem Publikum Boden unter den Füssen verschaffen.» Neue Musik dürfe nicht nur gerechnet werden und mit reinen Effekten an der Oberfläche bleiben. «Neue Musik muss geatmet und gelebt werden», sagt die Komponistin.

Sie selbst ist als erfolgreiche Geigerin auch interpretatorisch unterwegs. «Das kommt meiner kompositorischen Arbeit zugute. Ich möchte Musik schreiben, für die sich Interpreten öffnen können, um sie damit auch für das Publikum öffnen zu können.» Zeitgenössische Musik brauche echte Interpretation. «Mit einer Komposition will ich nicht über die Köpfe der Musiker hinweg schreiben. Ich möchte ihnen sozusagen ein Haus bauen, in dem sie gerne leben», findet Helena Winkelman ein schönes Bild.

Jede Mücke mit ihrem eigenen Rhythmus

Hinter jedem Effekt müsse tiefere Bedeutung liegen. Musik solle Zwischenwelten erschaffen, kreative Räume, für die Interpreten wie die Hörer. «<Ich war in Deinem Bubble>, hat mir einmal eine rumänische Pianistin gesagt. Im Idealfall ist Musik dieser Bubble, eine feine Blase, ein gemeinsamer Raum.» Helena Winkelman hält Tonalität noch längst nicht für erschöpft. Ihr Stück «Skan» endet mit einem Moskitotanz. «Ich habe die Mücken auf Schloss Esterhazy gesehen, im Licht der Sonne, jede in ihrem ganz eigenen Rhythmus.»

Helena Winkelman, die als Geigerin fünf Jahre im Lucerne Festival Orchestra unter dem 2014 verstorbenen Claudio Abbado gespielt hat, vertraut der organischen Entwicklung einer Komposition. «Ich folge dem ersten Gedanken des Stücks. Die Musik bestimmt über mich, nicht ich über sie.» Im besten Fall komme jede musikalische Idee zu ihrem Recht zur rechten Zeit, sagt Helena Winkelman und erzählt von den Gesetzen der musikalischen Organik, wie sie der ungarische Komponist György Kurtág immer wieder formuliert habe.

Do, 27.10., 19.30 Uhr, Tonhalle, St. Gallen; Yoel Gamzou dirigiert das Sinfonieorchester St. Gallen mit Werken von Haydn, Mahler und Winkelman; www.helenawinkelman.ch; www.oeuvressuisses.ch