Dinner-Zirkus auf der Rondelle: Zum Jubiläum der St. Galler Lokremise im August feiert auch Michael Fingers Cirque de Loin - und wird die heimliche Geliebte wachküssen.

Zehn Jahre Lokremise St.Gallen, zehn Jahre Cirque de Loin: Michael Finger wird zu diesem doppelten Geburtstag erstmals das Aussengelände des trashig-schönen Bauensembles bespielen. Mit der Show «Seelig» will er die Herzen der Ostschweizer erobern.

Bettina Kugler
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Ewige Feiertagsruhe ist nichts für Michael Finger.

Ewige Feiertagsruhe ist nichts für Michael Finger.

Bild: Michel Canonica

Im Kopf nimmt das Spektakel schon Gestalt an, bei frühsommerlichen Temperaturen auf der Rondelle der Lokremise. Es ist Mittwochnachmittag Ende Mai: der langersehnte, an dem der Bundesrat endlich grünes Licht für Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen gibt. Ein Freudentag für die Kultur und für Bühnentiere wie Michael Finger. Das Warten und Bangen hat ein Ende – jetzt kann er mit seinem Cirque de Loin loslegen, endlich physisch proben für die Produktion «Seelig».

Saus und Braus – und so viel Annäherung wie möglich

Gefeiert werden soll damit nicht nur das zehnjährige Bestehen seiner Theatertruppe, sondern auch der Ort, den die Artistinnen und Musiker, die Schauspieler und Tänzer bespielen werden, im Bunde mit Freiwilligen des Servicepersonals. «Seelig», mit mehr als einem E, dieses Wort trifft bestens Fingers Stimmung. «Schau dir diese Bühne an», sagt er und lässt den Blick im Halbrund schweifen, «das ist die schönste Szenerie für ein Open-Air-Stück weit und breit.»

Nicht, dass er je im Sinn gehabt hätte, mit dem Cirque de Loin ein Dinnerspektakel theatralisch zu garnieren. Dann aber war die Idee doch zu verlockend, hier zu spielen und gemeinsam das Zehnjährige zu feiern – für ihn und seine Truppe ebenso wie für Mirjam Hadorn, Geschäftsführerin der Stiftung Lokremise. «Ein bisschen Saus und Braus darf zu diesem Anlass schon sein», sagt er.

Ein Stück, das mit dem Ort verbunden ist

Dass es überhaupt zehn Jahre gedauert hat, bis jemand die Rondelle und das bauliche Ensemble von aussen bespielt, wundert Michael Finger.

«Zu uns passt es perfekt. Sowohl die trashige Optik, als auch das Draussenspielen. Das entspricht ja der Situation der freien Szene. Für uns ist drinnen selten Platz, und wir können es uns auch nicht leisten.»

Nun wollen sie das ganze Gelände zu einer Art Zirkus machen. Die Zuschauer an den Tischen werden die Gäste ihres Festes sein; das Essen soll dramaturgisch eingebaut und inhaltlich mit dem Stück verbunden werden. «Wir können hier doch nicht einfach Romeo und Julia spielen zum Jubiläum», sagt Finger; «das Stück muss mit dem Ort und dem Anlass verschmelzen.» Wenn es das Schutzkonzept erlaubt, werden die Akteure die Durchgänge zwischen den Tischen nutzen; man wird einander nahekommen – so nahe wie eben möglich.

Der ewige Ostersonntagmorgen hat ein Ende

Nach dem «ewigen Ostersonntagmorgen», als den er die stillen Wochen des Lockdowns und der öffentlichen Kunstpause erlebt hat, freut sich Michael Finger jetzt wie ein Kind auf handfeste Theaterarbeit. Es sei zuletzt eine trotzige Energie in ihm hochgekommen, je länger die Ungewissheit angedauert habe.

«Ich dachte: Irgendwie machen wir dieses Stück, egal wo, und egal, was Mami und Papi Bundesrat sagen.»

Untätig war er in den letzten Wochen nicht. Er konnte schreiben, die Musik entwickeln. Sie ist der Soundtrack zum Stück, das wiederum eine Release-Party der gleichnamigen CD «Seelig» sein wird.

Dem Titel von Stück und CD hat Finger die ironisch biblische Klammer «... die Armen im Geiste» hinzugefügt. Der Narr im ganz kleinen Zirkuszelt ist sein künstlerisches Urbild; die Musik war bislang immer «seine heimliche Geliebte». Er habe sich nur nie so ganz getraut. Jetzt wagt er es, hofft auf neues Publikum – und darauf, dass es doch noch etwas wird mit der grossen Liebe. Auch zwischen ihm und dem Ostschweizer Publikum.

12.–22. 8., Rondelle Lokremise St.Gallen. Der Vorverkauf hat begonnen über cirquedeloin.ch