Zum Grab, zu Asche, zum Licht: St.Gallens neuer Tanzchef erobert sein Publikum im Sturm

Kinsun Chan feiert mit seinem St.Galler Tanzensemble und seiner Uraufführung den ersten Grosserfolg. Mit «Coal, Ashes and Light» lotet Kinsun Chans Compagnie Farben und Gefühle aus – in spektakulären Bildern, kraftvoll, düster, und auch mal kitschig.

Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
Zu Fritz Hauser kratzenden Klängen mäandert die Compagnie wie eine Knochenmühle über die Bühne.

Zu Fritz Hauser kratzenden Klängen mäandert die Compagnie wie eine Knochenmühle über die Bühne.

Bild. Gregory Batardon

Sie haben gekämpft, aufbegehrt, aufgestampft. Und doch finden sie keinen Ausweg aus dem Grab. Schwarze Blätter kreiseln sacht aus dem schwarzen Himmel, der von oben drückt. Unerbittlich schieben sich die Wände empor, machen den Raum enger, als würde jemand den Sargdeckel hochklappen. Mann und Frau wollen einander fassen und halten, und doch bleiben sie sich fremd. Ein letzter Totentanz im fahlen Licht.

«Coal, Ashes and Light», so hat Kinsun Chan seine erste Choreografie im Grossen Haus des Theaters St.Gallen genannt. In Farben übersetzt: schwarz, grau und weiss. In Emotionen übersetzt: vom Grab ins Leben ins Licht.

Ein letzter Totentanz im fahlen Licht: Emily Pak und Guang-Xuan Chen.

Ein letzter Totentanz im fahlen Licht: Emily Pak und Guang-Xuan Chen.

Bild: Gregory Batardon

Drei eigenständige Werke hat der neue Tanzchef kreiert, und doch ergibt sich ein Bogen im Gesamten. Am Ende des gut eineinhalbstündigen Tanzabends bricht das Premierenpublikum in Bravorufe und Standing Ovations aus, wie man es an einer St.Galler Tanzpremiere noch nicht erlebt hat. Kinsun Chan hat sein Publikum im Sturm erobert.

St.Gallens neuer Tanzchef Kinsun Chan.

St.Gallens neuer Tanzchef Kinsun Chan.

Bild: Urs Bucher

Zu Henryk Mikolaj Góreckis Streichquartett, gespielt vom Galatea Quartett, entfaltet Kinsun Chan zu Beginn Schwarz in allen Schattierungen, findet Bilder von beklemmender Schönheit. Nackte Beine baumeln hinter Soffitten hervor, tasten sacht den Boden ab. Paare kämpfen mehr, als dass sie sich umarmen. Im gelben Feuergegenlicht formiert sich eine keuchende Gruppe zum Kriegstanz. Nebel verschleiert das Schwarz, das Chan effektvoll ausleuchtet. Kraftvoll zeigt seine Compagnie Kampf, Trauer, Wut, Tod.

Eine Knochenmühle mäandert über die Bühne

Der Höhepunkt des dreiteiligen Abends ist «Ashes». Aus dem Orchestergraben fährt eine Skulptur hoch, als wären Säulenteile mit Stoff bedeckt. Ein Klirren setzt ein, wie wenn ein Metallstift über Metall schrappt.

Da recken sich Hände in die Höhe, Köpfe lugen über die steingrauen Säulen: Die Versteinerung erwacht zum Leben. Säulen entpuppen sich als Körper, die sich zum Urzeittier formieren.

Die Versteinerung erwacht zum Leben, Säulen entpuppen sich als Körper.

Die Versteinerung erwacht zum Leben, Säulen entpuppen sich als Körper.

Bild: Gregory Batardon

Kinsun Chan hat auch Bühne und Kostüme kreiert. Ein grosser Wurf: In bodenlange steingraue Kleidern gehüllt, werden seine Tänzer zu Schuppen, die sich auffächern. Werden zu Menschen, die papierne Schnipsel wie einen Vulkanascheregen explodieren lassen.

Dann, mit langen Metallstangen bewaffnet, formiert sich die Compagnie zur Knochenmühle, die wie ein Strandbeest des Künstlers Theo Jansen über die Bühne mäandert. Komponist Fritz Hauser bearbeitet im Bühnendunkel sein Nicophone, erzeugt irritierendes Kratzen, Schaben, Schraffieren, das sich steigert und wieder abebbt.

Kinsun Chan stellt starke Bilder auf die Bühne. Die Stangen werden zum Wald, tragen eine Frau, die mit nacktem Oberkörper verletzlich balanciert wird. Selten sah man solche Radikalität auf der St.Galler Bühne.

Kraftvoll verletzlich im Stangenwald: Pamela Campos.

Kraftvoll verletzlich im Stangenwald: Pamela Campos.

Bild: Gregory Batardon.

Manko: Musik wird live gespielt, und klingt, wie wenn sie ab Konserve kommt

Weiss dann der dritte Teil «Lights», weiss die Bühne, die Kleider, der Flügel, an dem Pianistin Tiffany Butt Bach und Keith Jarrett interpretiert. Doch wie schon beim Galatea Quartett ertönt die Musik nur aus den Lautsprechern, als wäre sie ab Konserve gespielt – ein Manko.

Da dreht sich die Wand, eröffnet eine Bühne wie ein Stück Hochzeitstorte. Der Flügel auf einem hohen weissen Podest, die Pianistin im weissen Kleid. Die Compagnie weiss gewandet, vor dem Flügel aufgereiht wie ein Kitsch-Orchester von André Rieu.

Wie ein Stück Hochzeitstorte: Compagnie und Pianistin Tiffany Butt in «Light».

Wie ein Stück Hochzeitstorte: Compagnie und Pianistin Tiffany Butt in «Light».

Bild: Gregory Batardon

Kinsun Chan lässt sich und seinen Tänzern Zeit, vertraut auf die Kraft der Bewegung. In «Lights» wird der Tanz pure Ästhetik und Eleganz, und auch ein bisschen flach. Mit den energie- und emotionsgeladenen Stücken «Coal» und «Ashes» kann «Lights» nicht mithalten.

Die Bühnentorte dreht sich – und da ist der Tänzer wieder draussen, vor der Wand, wie zu Beginn. Die Erlösung war nur ein Traum.