Friedrich Dürrenmatt
«Zum Glück wurde er Schriftsteller und nicht Maler»: Dürrenmatts Gemälde sind oft überfrachtet und chaotisch

Mit zwanzig musste sich Friedrich Dürrenmatt zwischen Schreiben und Malen entscheiden. Er traf die richtige Wahl.

Sabine Altorfer
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Vision bunten und chaotischen Horrors: «Porträt eines Planeten I: Der Weltmetzger» von 1965.

Vision bunten und chaotischen Horrors: «Porträt eines Planeten I: Der Weltmetzger» von 1965.

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Es gibt verschiedene Erklärungen, warum Friedrich Dürrenmatt sich für die Schriftstellerei als Beruf und die Malerei als Hobby entschieden hat. Eine besagt, der Student sei verschnupft gewesen über schlechte Kritiken seiner Bilder. Etwa über den Rat des erfolgreichen Malers Cuno Amiet an die Mutter: «Der Bub soll Oberst und nicht Maler werden.» Eine andere: Dürrenmatt habe gewusst, das brauche Handwerk, eine Kunstschule besuchen wollte er aber nicht. Dürrenmatts eigene Begründung:

Ich könnte nicht hauptberuflich Maler sein aus dem einfachen Grunde: Ich wüsste die meiste Zeit nicht, was ich malen sollte.

Für Dürrenmatt selber war nach der Matur, die er mit Ach und Krach bestanden hatte, einfach klar: Künstler wollte er werden, Schriftsteller oder Maler. An den Vater schrieb er: «Eines von beiden muss ich werden, eines von beiden muss ich fallen lassen. Der Entschluss aber ist schwer, sehr, sehr schwer.»

Als Student malte er seine Mansarde im elterlichen Haus an der Berner Länggasse grossflächig aus. Seine Beschreibung: «Über dem Bett war eine skurrile Kreuzigung, daneben Szenen aus meinem ersten, nie veröffentlichten Stück.» Knallbunt, skurril und wie ein wilder Mix verschiedener Stile präsentieren sich die Bretter, die man Jahrzehnte später wieder freigelegt hat.

1994, vier Jahre nach seinem Tod, wurde sein bildnerisches Werk im Kunsthaus Zürich (in einer opulenten Architektur seines Freundes Mario Botta) und in der Schweizerischen Nationalbibliothek erstmals umfassend gezeigt. Im Katalog wurde Dürrenmatts Erklärung, quasi sein Vermächtnis als Maler, publiziert. Ein Kernsatz: «Ich male technisch wie ein Kind.» Und präzisierte: «Aber ich denke nicht wie ein Kind.» Er male aus demselben Grund wie er schreibe: «Weil ich denke.»

Wie Friedrich Dürrenmatt sich selber sah: Selbstporträt von 1978.

Wie Friedrich Dürrenmatt sich selber sah: Selbstporträt von 1978.

CDN/Confédération Suisse

Fantasie und Wirklichkeit

Bildnerisches und Schriftstellerisches sind nicht nur im Denken eng verbunden, sondern auch in den Motiven, der Übersteigerung und in der Feier des Absurden. So monströs, wie seine Theaterfiguren nach Macht gieren, so wie er die Säulen der moralischen, religiösen oder gesellschaftlichen Werte in den Krimis und Erzählungen wanken lässt, behandelt er die Stoffe auch in seinen Bildern. Minotaurus und Atlas ächzen durch beide Gattungen, es wird gekreuzigt und geschlachtet, Banker verüben kollektiv Selbstmord, Astronauten rasen ins All, der Turm zu Babel bleibt gigantisches, hohles Machtgelüst – und zum Schluss zerbirst die Welt in der Apokalypse.

Zu viel Fantasie? Nein, Dürrenmatt orientiere sich an der Wirklichkeit, schrieb Schriftsteller-Kollege Hugo Loe­tscher. Dabei tue sich Erschreckendes auf. «Dürrenmatt konnte sich bei dieser Umschau und Durchschau jederzeit darauf berufen, wie schwierig es ist, die Horror-Realität mit Horror-Visionen zu überbieten. In der Tat, es ist immer die Wirklichkeit, die übertreibt, glaubwürdig wird sie erst mit der Kunst.»

Inhalte und Botschaften sind in den bildnerischen Arbeiten zentral. Ästhetik um der Ästhetik willen lehnte Dürrenmatt rundweg ab. Formal hat er sich an den Grossen der Kunstgeschichte orientiert: an dem Fabulierer aus dem 15. Jahrhundert Hieronymus Bosch etwa, und von den Zeitgenossen haben ihn vor allem zwei beeinflusst: Walter Jonas als Mentor. Und Varlin als Antreiber von Malereien, in denen die Welt aus dem Lot geraten ist und der Mensch nicht schön sein kann. Varlins monumentale Heilsarmee hing Jahrzehnte in Dürrenmatts Arbeitszimmer, wer davor schreibt und zeichnet, bleibt nicht unbeeinflusst.

Wilde Malerei, perfekte Federstriche

Seiner eigenen Einschätzung, was die Malerei angeht («Dilettant»), mögen wir Dürrenmatt nicht widersprechen. Mit Farbe und Pinsel wütete er über die Leinwände – die Resultate sind farblich und gestisch heftig, inhaltlich monströs, aber formal oft überfrachtet und chaotisch, und malerisch etwas gar einfach.

Die Figuren – seien es der «Weltmetzger» oder «Der entwürdigte Minotaurus» – gleichen Karikaturen oder wirken wie Illustrationen.

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Sinnbilder wie «Die Katastrophe» mit übereinander purzelnden Eisenbahnwagen und Menschenknäueln werden zu unentwirrbaren Wimmelbildern, denen die beängstigende – und wohl beabsichtigte – Wucht aber abgeht.

Seine Federzeichnungen dagegen, dunkle Blätter in nächtelanger Strichelarbeit entstanden, können einen bannen. Schon «Kreuzigung I» von 1939, ein unheimlicher Ringelreihen im Vollmond ums Kruzifix, weist formale Schärfe und handwerkliche Sicherheit auf.

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Dramaturgisch gehe er an die Themen heran, schrieb Dürrenmatt, und er sieht darin das «Durchgehende» in seinem Werk. «Hier besitze ich Erfahrung, lässt sich eine Entwicklung nachweisen.» In den frühen Blättern konstruiert Dürrenmatt die Figuren scharf, etwa «Soldat und gehenkter General» oder den verknäuelten «Scharfrichter» in einer von Sternkreisen überstrahlten Sackgasse. Später werden Strich und Formen weicher, die geometrischen Muster verschwinden.

Biblische Stoffe – der «Turmbau zu Babel» in kühner Konstruktion, «Hölle», «Paradies», die Apokalypse und immer wieder «Engel» – bannt der Pfarrerssohn aufs Papier. Und auch sich selber. Klassisch oft. In «Das Arsenal des Dramatikers» vom 1960 so bitterbös überzeichnet, dass man nicht anders kann, als zu lachen. Da steht er, dunkel, dickbäuchig und mit der Pfeife im Mund, vor einem Gestell, mit karikierten Köpfen der Weltliteraten, garniert mit Flaschen, Gläsern, einem BH, Händen – und davor sauber aufgereiht stehen ihre abgehackten Füsse.

Tipp:
Jubiläumsausstellung im Centre Dürrenmatt, Neuchâtel:
ab 17. Januar 2021.
www.duerrenmatt21.ch