Zum Auftakt ein Volltreffer: Der neue Thurgauer Saatgut-Verlag veröffentlicht ein Kinderbuch über den Maler Adolf Dietrich

Wer war Adolf Dietrich, der Thurgauer Meistermaler, abseits seiner Kunst? Antworten liefert jetzt ein Buch – es ist das erste, das der Thurgauer Saatgut-Verlag herausbringt: Es erzählt auf wunderbare Weise die Geschichten zu Adolf Dietrichs Bildern.

Dieter Langhart
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Das Buch über Adolf Dietrich überzeugt auch gestalterisch.

Das Buch über Adolf Dietrich überzeugt auch gestalterisch.

Bild: PD

Adolf Dietrich? Kennt jeder. Oder meint es zumindest. Und fast jeder will den berühmten «Balbo auf der Wiese liegend» sehen, wenn das Kunstmuseum Thurgau wieder einmal seinen Meistermaler zeigt. Nur ... was wissen wir wirklich von Adolf Dietrich? Seine Zeichnungen und Bilder zeigen sein Berlingen, seinen Untersee, sein Haus und seinen Sommergarten und seine Tiere, bisweilen auch ihn selbst.

«Balbo, auf der Wiese liegend»: eines der berühmten Werke von Adolf Dietrich.

«Balbo, auf der Wiese liegend»: eines der berühmten Werke von Adolf Dietrich.

Bild: PD

Doch wer war Dietrich? Wie lebte er, was dachte er, was tat er sonst, wie war sein Umfeld? Die Antworten darauf gibt ein grosses Buch, das so schön geworden ist wie Dietrichs Bilder. Entworfen hat es Urs Stuber, vielfach ausgezeichneter Gestalter in Frauenfeld. Geschrieben hat es Willi Tobler, der den Maler und sein Werk kennt wie seinen eigenen Hosensack. Veröffentlicht hat es der Saatgut-Verlag, der sich Thurgauer Themen verschrieben hat.

Und das erste Saatgut-Buch ist ein Volltreffer, ein Bijou. Willi Tobler hat einen besonderen Zugang gewählt: Er erzählt Dietrichs Leben nach anhand seiner Werke. Er spricht den Leser direkt an: « Schau und lies!» Als Titel dient ein Zitat Dietrichs: «Ich hätte mit keinem König getauscht». Die Sprache hält der ehemalige Lehrer schlicht: «Er ist ähnlich aufgewachsen wie viele Kinder damals, ihm war aber eine grosse künstlerische Begabung in die Wiege gelegt.»

«Die meisten Episoden stimmen, sind wahr»

Ist es ein Kinderbuch, ein Jugendbuch? Jein. Wer sich dem Berlinger nicht akademisch nähern, sondern in ihm einen schlichten und begabten und in eine Dorfgemeinschaft eingebundenen Menschen sehen will, wird das Buch geniessen. «Im Stillen ist Dietrichs Wesen erkennbar», sagt Willi Tobler bei unserem Gespräch im Garten des Adolf-Dietrich-Hauses, das er seit seiner Pensionierung betreut und dessen Programm er gestaltet.

«Dietrich war ein guter Beobachter, war nachdenklich und hellwach.»

Während Kunsthistoriker sich gern seiner Ölbilder annehmen, stellen die Skizzenbücher die Verbindung her zwischen Dietrichs Wesen und seinen Hauptwerken, sagt Tobler, der sich seit langem intensiv mit dem Nachlass beschäftigt, der der Thurgauischen Kunstgesellschaft gehört. Sein Schwiegervater Heinrich Ammann, erster Konservator des Kunstmuseums des Kantons Thurgau und Mit-Verfasser des Dietrich-Werkkatalogs, sei oft mit dem Velo von Tägerwilen nach Berlingen gefahren, um Dietrich in seiner Malstube zu besuchen.

Willi Tobler hat in seinem Buch über Adolf Dietrich geschickt Lebens- und Bildbeschreibungen verknüpft.

Willi Tobler hat in seinem Buch über Adolf Dietrich geschickt Lebens- und Bildbeschreibungen verknüpft.

Reto Martin

Für Tobler lag der Zugang also nahe: keine Bebilderung der Lebensgeschichte, sondern andersrum, Geschichten zu den Bildern erzählen. «Die meisten Episoden stimmen, sind wahr.» Etwa der Tod des kleinen Adolf 1871. Sechs Jahre später gebar die Mutter noch einen Sohn. «Die Eltern geben auch ihm den Namen Adolf. Und alle hoffen, dass dieser Junge leben würde.»

Adolf Dietrich ohne Berlingen? Unvorstellbar

Willi Tobler wollte möglichst all sein Wissen zu Papier bringen – aber kein Sachbuch verfassen. Er nennt es «ein Buch für Kinder und ihre Erwachsenen». Und «ein altmodisches Buch», weil es auch Wörter wie Störmetzger enthalte.

Die Idee zum Buch hatte er schon lange, die Umsetzung war «eine harte Büez». Tobler wählte sämtliche Bilder aus, Urs Stuber gestaltete sie gross, grosszügig Weissraum lassend. Nur schon das Titelbild «Zwei Waldohreulen» aus dem Jahre 1905 reicht über den Buchrücken.

Zieren jetzt den Bucheinband: die beiden Waldohreulen aus dem Bild von Adolf Dietrich.

Zieren jetzt den Bucheinband: die beiden Waldohreulen aus dem Bild von Adolf Dietrich.

Bild: Serge Hasenböhler

Geschickt wechselt der Autor zwischen Lebens- und Bildbeschreibung, denn Leben und Werk sind untrennbar verbunden, und verknüpft beides zu einem zarten und schlüssigen Ganzen. «Ich kann mir Adolf Dietrich nicht ohne Berlingen und das Dorfleben vorstellen. Er war hier verwurzelt und hat dennoch die Welt, die Totalität erfasst.» Das Zitat, das dem Buch den Titel gibt, löst Tobler übrigens auf Seite 108 auf.

Willi Tobler: «Ich hätte mit keinem König getauscht» (ab 9), Saatgut-Verlag, 126 S., Fr. 39.-, Buchpräsentation am 26.August 2020, 18.30 Uhr, Staatsarchiv Thurgau