Zug nach Irgendwo

LESBAR AB 14

Bettina Kugler
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Bild: Bettina Kugler

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LESBAR AB 14

«Der Tag, an dem meine Mutter sich entscheidet zu gehen, ist einer, der einfach so vorbeigeht wie andere» – danach aber ist für Mareike nichts mehr, wie es war. Zurück bleibt eine Familie, die erst einmal abwarten will und schweigt. Mareike, siebzehn und eigentlich mit dem Erwachsenwerden schon reichlich ausgelastet, macht sich auf die Suche nach einer möglichen Geschichte der Mutter, der sie so selbstverständlich nahe war, ohne viel über sie zu wissen. Dabei rutscht ihr zunehmend der Boden unter den Füssen weg. Tamara Bach setzt das radikal in ihrer bruchstückhaft-assoziativen Erzählweise um. Beiläufig fällt der Blick auf familiäre Muster: Der Vater ist ein aussereheliches Nachkriegskind; Mareikes wesentlich älterer Bruder stammt aus einer flüchtigen Beziehung. Wie schon frühere Bücher Tamara Bachs hat auch «Marienbilder» einen unverkennbaren Sound: So cool, wie es in einer derart verfahrenen Seelenlage eben noch möglich ist, wenn man nicht einfach heulend resignieren möchte.

Tamara Bach: Marienbilder. Carlsen 2014, 134 S., Fr. 20.50

Ein trauriges Königreich

Nirgendwo sonst gibt es so viele HIV-infizierte Menschen wie in Swasiland, im Südosten Afrikas – die Sterbenden hinterlassen Kinder, die nichts besitzen und oft nicht wissen, was morgen sein wird. Erlebt haben diese Kinder Dinge, die man nicht erzählen kann; Kirsten Boie hat es gleichwohl getan und dafür soeben den «Luchs des Jahres» erhalten. Seit Jahren reist die Hamburger Autorin regelmässig nach Swasiland und unterstützt ein Hilfsprojekt vor Ort. Vor allem aber spricht sie mit Betroffenen; ihre Geschichten stehen stellvertretend für das Schicksal von mehr als 100 000 Kindern. Da ist Sonto, die ihren grössten Schatz in einer Blechdose aufbewahrt: Das Erinnerungsbuch, das ihre sterbende Mutter für sie geführt hat. Oder der elfjährige Thulani, der nicht mehr in die Schule kommen darf, weil er keinen Totenschein seiner Eltern hat. Aids, Prostitution, Armut: Themen, die man zu jungen Kindern nicht gern zumutet. Nicht einmal als Lektüre.

Kirsten Boie: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen. Oetinger 2013, 112 S., Fr. 18.90

Bild: Bettina Kugler

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