Zürich war Bertolt Brecht zu teuer

Morgen vor 60 Jahren ist Bertolt Brecht gestorben. In Zürich hinterliess er in den 1940er-Jahren deutliche Spuren. Die Art, wie das hiesige Schauspielhaus seine Stücke uraufführte, gefiel ihm aber nicht, die Kritiken noch weniger. Trotzdem wäre Brecht gerne länger hier geblieben.

Irene Widmer
Drucken
Teilen

Das erste Mal kam Bertolt Brecht mit seiner Familie nach dem Reichstagsbrand 1933 in die Schweiz. Die Wohnungssuche in Zürich brach er wegen der hohen Preise bald ab. In Carona im Tessin, wohin ihn das Autorenpaar Kurt Kläber und Lisa Tetzner eingeladen hatten, vermisste er das gleichgesinnte deutschsprachige Umfeld. Das ritualisierte kollektive Zeitungslesen mit den Gastgebern entschädigte ihn ein wenig. Später erinnerte er sich gerne daran: «Ich würde gern wieder einmal mit euch Zeitung lesen», schrieb er dem Ehepaar. «Man verdaut besser zusammen. Und man muss ungeheuer verdauen jetzt.» Die Brechts zogen danach weiter nach Paris, Skandinavien und 1941 in die USA. Nach einer Anhörung durch den Ausschuss des Kommunistenjägers McCarthy kamen sie 1947 wieder nach Zürich. Die spätere Filmautorin Reni Mertens beherbergte sie in Feldmeilen.

Zürich profitiert vom Krieg

Im Zürcher Schauspielhaus waren während Brechts US-Exil nicht weniger als drei seiner Stücke uraufgeführt worden: 1941 «Mutter Courage» und 1943 «Der gute Mensch von Sezuan» und «Galileo Galilei». «Mutter Courage» gefiel Publikum und Kritik vor allem wegen Therese Giehse in der Titelrolle. Man bewunderte sie als vorbildhaft tapfere Mutter in Kriegszeiten, statt sie als die opportunistische Kriegsgewinnlerin zu sehen, als die Brecht sie gemeint hatte. Ansonsten wurden dem Stück dramaturgische Schwächen vorgeworfen. Das Stück erlebte nur zehn Aufführungen.

«Der gute Mensch von Sezuan» (Februar 1943) mit Maria Becker in der Titelrolle der Shen Te und «Galileo Galilei» ein paar Monate später wurden etwas versöhnlicher aufgenommen. Kein Wunder – laut Therese Giehse ging es in den Inszenierungen so bieder zu «wie bei Ganghofer». Die vierte Zürcher Brecht-Uraufführung, «Herr Puntila und sein Knecht» mit Leonard Steckel und Gustav Knuth, inszenierte der Autor 1948 gleich selber – allerdings inoffiziell.

Ohne Arbeitsbewilligung

Da Brecht keine Arbeitsbewilligung hatte, zeichnete Kurt Hirschfeld verantwortlich. Die «Neue Zürcher Zeitung» warf dem «verhätschelten Schosskind des schweizerischen Theaters» «künstlerisch getarnten Kommunismus» vor. Dass Brecht sich ein paar Monate später in der DDR einbürgern liess, war aber nur scheinbar eine Bestätigung seiner kommunistischen Gesinnung: Die BRD liess sein Ersuchen um Einbürgerung – vermutlich als Nachwirkung der Washingtoner Verhöre – unbeantwortet.

Auch die Schweiz lehnte zwei Gesuche um eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung ab. Warum, wurde im Herbst 2002 bekannt, als der Berner Dramatiker Werner Wüthrich im Nachlass von Brechts Gastgeberin Reni Mertens in Feldmeilen bisher unbekannte Dokumente fand, darunter unveröffentlichte Herr-Keuner-Geschichten. Wüthrich stiess auf einen Geheimbericht der Bundesanwaltschaft, der bewies, dass Brecht wegen Kommunismusverdachts in Feldmeilen bespitzelt und abgehört worden war.

Frisch und der Unerbittliche

In seiner Zürcher Zeit zwischen November 1947 und Oktober 1948 begegnete Bertolt Brecht auch dem jungen Max Frisch. Der zeigte ihm das von ihm entworfene Freibad Letzigraben und eine beispielhafte Arbeitersiedlung. In der Schweiz wolle man wohl den Sozialismus im Komfort ersticken, nörgelte Brecht. «Brecht denkt so unerbittlich, weil er vieles unerbittlich nicht denkt», lautete später Frischs vielzitierter Kommentar dazu.