Zürcher Theaterspektakel
Reden wir über Sex!: Eine Weinbar präsentiert Bettgeschichten

Mats Staub und Anna Papst haben Dutzende Menschen zu ihrem Sexleben befragt. Ihre Arbeit «Intime Revolution» soll das schaffen, was die sexuelle Revolution nie vermochte: Das Reden über die schönste Nebensache der Welt merklich zu entspannen.

Julia Stephan
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Behutsame Rechercheure: Mats Staub und Anna Papst in ihrer theatralen Weinbar, die erstmals an der Ruhrtriennale aufgemacht hat.

Behutsame Rechercheure: Mats Staub und Anna Papst in ihrer theatralen Weinbar, die erstmals an der Ruhrtriennale aufgemacht hat.

Sabrina Weniger

Soll es der Moselwein sein mit dieser «Spannung zwischen Säure und Frucht» oder lieber der «zart duftende» französische Rosé? Die Auswahl in der Weinbar auf dem Schiff des Gemeinschaftszentrums Wollishofen ist verführerisch. Die wie Menüs beworbenen persönlichen Bettgeschichten von fremden Menschen sind es auch.

Anna Papst (38) und Mats Staub (50) suchen am Zürcher Theaterspektakel das, trotz sexueller Revolution, einem Mainstream gewordenen Pornokonsum und Unterwäschewerbung in Bahnhofsunterführungen immer noch schwerfällt: ein ehrliches Gespräch über Sex.

Was uns zum Leuchten bringt

«Wir reden vielleicht darüber, wie oft wir es tun und mit wem, aber darüber wie es uns dabei ergeht, sprechen wir selten», erläutert Theatermacherin Anna Papst die Idee hinter der Arbeit «Intime Revolution», die gerade an der Ruhrtriennale Premiere feierte und nun ans Zürcher Theaterspektakel kommt.

Staub und Papst tun das in einer Zeit, in der Sex auf der Bühne wieder an Reiz gewonnen hat. Letzten Herbst hatte Regisseurin Yana Ross in der Schiffbauhalle in Zürich mit Live-Sex ein Tabu gebrochen. Auch die Theatermacherin Beatrice Fleischlin tourt mit Nina Hellenkemper gerade mit einem «Sex Stück» samt Zirkuszelt durch die Schweiz und durchs nahe Ausland.

Live-Sex im Zürcher Schiffbau im Stück «Kurze Interviews mit fiesen Männern» von Yana Ross.

Live-Sex im Zürcher Schiffbau im Stück «Kurze Interviews mit fiesen Männern» von Yana Ross.

Sabina Boesch

Doch während man in Zürich den Akt füdliblutt als physischen Vorgang präsentierte, Fleischlin die Diskursschlaufen zum Thema humorvoll durch den Fleischwolf drehte, gibt es beim Projekt von Staub und Papst nichts, was irgendwie ablenken könnte von der identitätsstiftenden Komponente der schönsten Nebensache der Welt. Im Gegenteil: Ihr Projekt penetriert – mit Respekt! – die innerste Intimsphäre unbekannter Menschen.

Aus 30 Gesprächen entstanden zehn von Schauspielerinnen und Schauspielern eingesprochene persönliche Berichte. Die unverfälschten O-Töne kann man auf dem Schiff neben der Landiwiese über Kopfhörer bei einem Glas Wein konsumieren.

Die Weinbar ist ein öffentlicher Raum, der anders als eine schrille Talkshow viel Rückzug ins Innere ermöglicht. «Wir wollten den Menschen eine Wahl geben, worauf sie sich einlassen. Und weil das Thema viel menschliche Wärme braucht, bewirten wir unsere Gäste gleich selbst», so Mats Staub.

Besucherinnen und Besucher der Ruhrtriennale hören sich in der heimeligen Umgebung einer Weinbar Geschichten über Sex an.

Besucherinnen und Besucher der Ruhrtriennale hören sich in der heimeligen Umgebung einer Weinbar Geschichten über Sex an.

Den Gesprächston, den die beiden in den Gesprächen vorfanden, liegt irgendwo zwischen klinischem Frauenarztgespräch und Pornorhetorik. Dass selbst den Geschichtenlieferanten das Sprechen über Sex schwerfiel, liege nicht an fehlenden Worten, sondern an fehlenden Geschichten, an die man anknüpfen könne. Insofern freut es Papst und Staub, dass bei vielen Paaren und Freunden nach dem Besuch der Weinbar ein Prozess in Gang gesetzt werde. So erzählt Mats Staub:

«Ein Mann um die vierzig rief sofort seine Freundin an und meinte: Wir müssen reden.»

Papst und Staub arbeiten seit 2013 zusammen. Beide sind Profis im Sammeln von O-Tönen. Während Staub als ehemaliger Journalist mit Erinnerungen und persönlichen Geschichten von Menschen aus der ganzen Welt Archive für Kunstprojekte anlegt, bringt Regisseurin Anna Papst die Geschichten ihrer Interviewpartnerinnen und Interviewpartner mit Schauspielerinnen und Schauspielern auf die Bühne – seien es Feuerwehrmänner, Insassen einer Strafvollzugsanstalt oder Menschen mit Kinderwunsch. Im Frühjahr 2022 plant sie in der Fasnachtsstadt Luzern mit der dortigen Bevölkerung ein Stück über die Macht des Verkleidens.

«Intime Revolution» von Anna Papst und Mats Staub. Zürcher Theaterspektakel, GZ Wollishofen, Schiff. Termine: 23.–26.8., 28.–30.8, jeweils 21 Uhr. Infos auf der Seite des Zürcher Theaterspektakels. Nur noch Restkarten an der Abendkasse verfügbar.