Neuer Regisseur im Zürcher Schauspielhaus will mehr Schoggi als Frisch

Christopher Rüping ist der namhafteste der neuen Hausregisseure am Zürcher Schauspielhaus. Jetzt kommt seine erste neue Inszenierung.

Tobias Gerosa
Drucken
Teilen
Christopher Rüping. Bild: zvg

Christopher Rüping. Bild: zvg

«Es wäre verheerend, wenn ich eine Woche vor der Première schon wüsste, worauf unsere Inszenierung genau hinausläuft,» sagt Regisseur Christopher Rüping, der im Gespräch kaum Chef-Attitüden, sondern Offenheit und Diskussionsfreude zeigt. Sein zehnstündiger Antiken-Marathon «Dionysos. Stadt» in München ist eben zur Inszenierung des Jahres gewählt worden. Jetzt ist der 34-Jährige als einer der acht Hausregisseure ans Schauspielhaus Zürich gezogen: Fest, wie das Konzept der festen Regisseure es vorsieht.

«Wichtiger als die zwei Arbeiten ist, dass wir alle fest nach Zürich gezogen sind: Ich bin also nicht nur zweimal im Jahr für zwei Monate Probezeit hier, sondern lebe mindestens drei Jahre hier.» Statt spezifisch zürcherische Themen zu suchen («wir müssen jetzt nicht unbedingt Frisch machen»), sollen die sich aus dem Alltag der Neuzürcher ergeben: Ist es eigentlich teuer, wenn ein Schokoriegel einen Franken kostet? Wie findet man in Zürich mit Hund eine Wohnung? Eigentlich möchte Rüping mehr über Inhalte sprechen, als darüber, was das neue Team am Schauspielhaus anders machen will.

In diesem Team steht Rüping eher für das deutsche Theatersystem, wie es gerade am Schauspielhaus bisher war. Auch wenn er da widerspricht und sagt, dass er in seinen acht Jahren als Regisseur nur das diversifizierte, gegenüber Performance, Tanz oder Film offene Theater kennen gelernt habe.

«Es gibt Regisseure, die vervollkommnen einfach ihre Handschrift. In jeder Inszenierung wird sie etwas perfekter. Mir geht der Inhalt vor, er bestimmt die Form.» Aber ist denn das Aus-den-Rollen-Treten seiner Figuren, dass sie das Publikum direkt ansprechen, nicht ein typisches Rüping-Stilmittel? Er widerspricht nicht. «Für ‹Die Früchte des Zorns› nun aber war mir klar, dass ein anderer Ansatz her muss.»

Neues Publikum für ein neues Theater

Im Roman geht es um Farmer, die den Osten der USA verlassen müssen, klassische Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und ins Ungewisse, nach Kalifornien zu ziehen. «Wie können wir reichen Leute den reichen Leuten im Publikum eine Geschichte von armen Menschen erzählen?»

Das ist es, was ihn an diesem Stoff interessiert, der nicht einmal aktualisiert werden muss, um aktuell zu sein.

«In 99,8 Prozent der Fälle laufen solche Geschichten doch auf die pornografische Ausbeutung des Elends hinaus. Die armen Menschen tun einem leid, man hat Mitleid, verdrückt eine Träne, fertig. Bei Steinbeck sind die Figuren nicht zwingend sympathisch. Und das macht es viel interessanter, weil so die systemische Frage ins Zentrum rückt, was man denn gegen diese Armut tun könne.» Für sein Spiel mit dem Spiel hat er dafür dann doch wieder eine Lösung gefunden – aber eine neue, angepasste.

«Der oberflächenpolierte Kanon, möglichst noch kalkuliert angesetzt, um bestimmte Publikumsschichten abzuholen, funktioniert nicht mehr. Das Theater muss sich ein neues Publikum erschliessen.» Und wie, Christopher Rüping? «Wenn ich das wüsste, wäre ich der erfolgreichste Intendant der Welt. Ein Anfang wäre, wenn ein Theaterticket nicht mehr kosten würde als ein Kinobesuch – dann kämen vielleicht Leute, die heute nicht einmal daran denken.»

Für die Preise ist Rüping als Hausregisseur nicht zuständig, auch wenn die Hausregisseur-Runde solche Fragen mitdiskutiert. Sein Ansatz jedoch könnte das alte und ein neues Schauspielhauspublikum gleichermassen packen.

Die Früchte des Zorns

Premiere 25.10.

Pfauen Schauspielhaus Zürich