Zu viel Ehre fürs Theater

Lob und Preis

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen

In St. Gallen ist man zu Recht stolz auf das eigene Theater. Oper und Musical laufen wie geschmiert vor ausverkauften Rängen, das Schauspiel packt kunstvoll Gegenwartsthemen an. Bravo! Diese Woche hat es das Theater St. Gallen aber mit Stolz und Selbstlob leicht übertrieben. Da schickt die Presseabteilung eine begeisterte Kurzmeldung: «Schauspiel des Theaters St. Gallen in der Kritikerumfrage des Fachmagazins ‹Die Deutsche Bühne› als bestes Theater abseits der Zentren genannt.» Toll, wunderbar, denkt man. Eigentlich ist das sogar sensationell. Wenn man nur das Wörtchen «genannt» nicht falsch versteht.

Es ist ein Musterbeispiel für leichte Faktenverdrehung. In der Gratiszeitung «20 Minuten» steht prompt und unhinterfragt, die Fachzeitschrift habe das Schauspielensemble «unter der Leitung von Jonas Knecht für die abgelaufene Spielzeit als bestes Theater abseits der Zentren erkoren». Was die Pressemitteilung andeutet, verfestigt sich im Gratisblatt zum Siegerpodest. Leider relativieren die Fakten diesen Eindruck ziemlich stark, «genannt» bedeutet eben nicht «erkoren».

Sieger «abseits der Zentren» ist nicht St. Gallen, sondern Altenburg-Gera – mit fünf Stimmen. St. Gallen hat eine Stimme erhalten. Das ist auch nicht verwunderlich. Denn die Zeitschrift erscheint in Deutschland, und deutsche Theaterkritiker sieht man an St. Galler Premieren praktisch nie. Es war denn auch der Zürcher Kritiker Tobias Gerosa, der seine Stimme der Schauspielsparte des Theaters St. Gallen gegeben hat. Er ist einer von 68 Kritikern, die an der Umfrage teilgenommen haben, und einer von zwei Schweizern. Der andere, Andreas Kläui, gab seine Stimme dem Theater Chur. Und der Vollständigkeit halber ist noch erwähnt: Auch das Theater Konstanz, das TAK in Schaan und das Theater Biel/Solothurn haben je eine Stimme erhalten.

Stolz auf sein Theater darf man insgesamt in 49 Städten «abseits der Zentren» sein. So viele Theater erhielten mindestens eine Stimme von der Kritikergilde. Als Kulturredaktor ist man natürlich froh, dass nicht alle 49 Theater zeitgleich eine Pressemitteilung mit identischem Inhalt verschicken. Obwohl man selbstverständlich vollstes Verständnis hat für diesen etwas übermütigen Stolz. Unserer Freude am derzeitigen Theater St. Gallen tut dies übrigens keinen Abbruch. Wie gesagt: Hier ist man zu Recht stolz auf das eigene Theater. Man darf sich auf die neue Saison freuen.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch