Gastkritiker
Zu Gast im SRF-Literaturclub: Jürg Halter – seine Gesellschaftskritik ist sogar für Lyrikmuffel ein Vergnügen

Als Kutti MC rappte Jürg Halter mit seinem Vorbild Endo Anaconda und ist Twitter-Aktivist. Sein neuer Gedichtband «Gemeinsame Sprache» ist virtuose Gesellschaftskritik. Als Gastkritiker im SRF-Literaturclub stellte er George Orwells «1984» zur Diskussion.

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Jürg Halter hat sich vom Mundartrapper zum gesellschaftskritischen Poeten gewandelt.

Jürg Halter hat sich vom Mundartrapper zum gesellschaftskritischen Poeten gewandelt.

Keystone

Wenn Jürg Halter im SRF-Literaturclub über George Orwells Roman «1984» diskutiert, entdeckt man den an Dystopien interessierten Gesellschaftskritiker in ihm. Sein eigenes Gedicht, das er am Ende der Sendung vortrug, ist genauso politisch und visionär.

«Gute Menschen» heisst es, repetiert auf lakonische, satirische Weise Angela Merkels Spruch: «Wir schaffen das», und gipfelt in der sarkastischen Pointe, die Erde werde erst dann wieder zum Paradies, wenn der Mensch verschwunden sein wird.

Sein Vorbild heisst Endo Anaconda

Sein neuer Gedichtband «Gemeinsame Sprache» bietet jedoch viel mehr als Gesellschaftskritik. Noch selten hat man ein so präzises Porträt über Endo Anaconda gelesen: «Fliegend überm Tal / summt er Melodien, / für immer jung.» Hört man da nicht unwillkürlich den Song «Federliecht» von Stiller Has mit?

Ja klar. Wenn man Jürg Halters neuen Gedichtband auf Seite 51 aufschlägt und das poetische Miniporträt «Schwarze Tauben fliegen auf» über Endo Anaconda liest, kann man lyriksüchtig werden. So zugänglich, bildhaft und einfühlend kommen Gedichte nicht immer daher:

Vor einem Bauernhaus hat ein Mann Platz genommen,
zieht den Hut, bewegt von Erinnerungen
bläst er dem Tod sanft lächelnd
Rauch ins Gesicht.
Unheilbar am Leben.

Das mehr als bewegte Leben des Endo Anaconda in sechs Zeilen und charmantem Pathos. Wunderbar. Und falls das verlockende Motto, Gedichte könne man auch beim Warten aufs Tram lesen, Sinn macht, so gilt das genau für solche Gedichte.

Der Alltag bietet ihm genügend Stoff für Gedichte

Halters Grundanliegen ist es, Lyrik vom Vorurteil zu befreien, diese sei nur etwas für das Bildungsbürgertum: «Man muss doch kein Germanistikstudium machen, um Gedichte zu verstehen.» Schliesslich biete der Alltag genügend Stoff, um daraus Gedichte zu machen. Der neue Gedichtband ist denn auch ein Buch, das man allen empfehlen kann, die sonst kaum je Lyrik lesen und nie Lyrikbände kaufen.

In den eigenen Gedichten wird er seinem Anliegen nicht immer, aber meist gerecht. Denn einiges liest sich doch recht vertrackt. Etwa bei der Paradoxie in diesen Zeilen:

Sie wechselt die Strassenseite
geht mit den Fersen voran
deine Liebe als Bewegung
rückwärts in eine
offene Vergangenheit

Doch Halter hilft gleich nach, denn manchmal würden uns Bilder einholen, «die wir bis zum Schluss nicht lesen können». Wir können also rätselhafte Traumbilder ebenso wie Gedichte als Rätsel stehen lassen.

Seine Gedichte sprechen gelegentlich Klartext

Aber keine Angst: Rätselhaft ist Halter nur selten. Mit seinem vielstimmigen und abwechslungsreichen Panoptikum blickt er hingegen meist mit scharfem Auge in unsere Gegenwart hinein, manchmal offen zornig, aber nie propagandistisch. Wenn er etwa in «Defektes Leben» Narzissmus und Flauheit als Chiffren unserer Gegenwart seziert, ist dies so bissig gemeint wie spielerisch umgesetzt.

Und meint wohl, ohne sie explizit zu nennen, eine privilegierte, satte Schweiz. Auch weil man in den Zeilen «Wir treten besonnen ans Feuer / niemals wollen wir brennen» das legendäre Gedicht «Schwiizer» mit den Zeilen «Schwiizer bliibe / nu luege» von Eugen Gomringer nachhallen hört. Halter verschärft die Leidenschaftslosigkeit und Distanziertheit mit einer Kritik an Narzissmus und Konsumismus.

Harmlos sind seine Gedichte also nicht – und sind gelegentlich auch mit Klartext garniert. So schlüpft er karikierend in die Sprache von Versicherungsspionen oder in die Köpfe von Vermögensverwalter und kontrastiert Steuerflüchtlinge satirisch mit ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer.

Die Rolle als Rapper Kutti MC hat er definitiv abgelegt

Sein Lyrikverständnis verortet Halter durchaus historisch: «Bei den alten Griechen wurden Gedichte gesungen. Das war völlig selbstverständlich. Es gab diese Trennung nicht zwischen Lyrik und Musik. An diese Selbstverständlichkeit sollte man wieder erinnern.» Und fügt mit Blick auf die Songwriter der Gegenwart hinzu: «Die Songtexte von Bob Dylan oder Leonard Cohen funktionieren auch als Gedichte.»

Auch in der Schweiz hat Jürg Halter ein erklärtes Vorbild: «Wäre die Schweiz die Welt, Endo hätte den Literaturnobelpreis längst erhalten.» Mit der Bewunderung für Endo Anaconda (Stiller Has) steht er nicht alleine da. Literaturprofessor Peter von Matt hat den Stiller-Has-Song «furt» in den Sammelband «Die schönsten Gedichte der Schweiz» aufgenommen. Nur ein weiterer Liedermacher hat es in die Sammlung, die im Verlag Nagel&Kimche erschienen ist, gebracht: Mani Matter.

Der 40-jährige Jürg Halter war zehn Jahre lang zwischen 2005 und 2015 als Rapper Kutti MC erfolgreich unterwegs, und rappte 2009 dann auch mit seinem Vorbild Endo Anaconda in dessen Mundartlied «König», was bestens funktionierte – eine grossartige, energiegeladene Kombination. Den Kutti MC habe er abgelegt, auch mit der Mundart habe er abgeschlossen, sagt Halter.

«Rap und Hip-Hop war die Musik, die mich in der Jugend am meisten geprägt hat. Das lag auch an den Texten beispielsweise von Eminem. Der hat etwas sehr Erzählerisches und Literarisches.» Wie zum Beweis, dass dies lediglich Ausnahmen in der populären Musik sind, hat Halter mal eine Lesung gemacht mit Gangsta-Rap-Texten von Bushido und ins Deutsche übersetzte Songs von Britney Spears.

Und sagt dazu: «Wenn man diese Texte nüchtern ganz ohne Musik liest, fallen auch die Klischees viel mehr auf und das sprachliche Unvermögen, oder auch wie billig die Reime sind. Dann merkt man, wie absolut lächerlich das ist.»

Er kann beides: Spielerische Bilder und Sprachkritik

Seinen gedanklichen Galopp durch unsere Gegenwart garniert Jürg Halter in seinem neuen Gedichtband immer wieder mit heiteren Sachgedichten. So wird er in «Monolog einer Pfütze» zur Pfütze, die es am schönsten findet, wenn zwei Verliebte sich barfuss im Sommerregen küssend in ihm spiegeln. Dann sieht er in «Magische Heimat» überraschend-schöne Bilder:

Die Touristengruppe, von der ich mich entferne, gleitet
wie ein Riesenmanta über den verregneten Platz

Als scharfsichtiger Gegenwartskritiker distanziert er sich von jeder Meinungsblase und spürt der gesellschaftlichen Funktion von Sprache nach. Vielleicht deshalb wird er ab und zu als Berater engagiert.

Etwa von der Mobiliar Versicherung, die für ein Nachhaltigkeitsprojekt neben Wissenschaftern auch ihn zu einem Workshop eingeladen hat. Oder die Suchtberatung Aargau, die Halter zu einer Tagung eingeladen hat, um ein Feedback zum Sprachgebrauch der Suchtberater zu geben.

Wenn man seine Aktivität auf Twitter verfolgt, wird schnell klar, dass ihm diese gesellschaftliche Bedeutung der Sprache ein zentrales Anliegen ist. Da schreibt er in einem aktuellen Beitrag: «Menschen, die sich wegen jeder dümmlichen Aussage anderer öffentlich laut empören, sind oft die, die sich am wenigsten für Komplexität, Widersprüche und tiefere Analysen interessieren.

Es geht ihnen vor allem darum, stetig ihre moralische Überlegenheit demonstrieren zu können.» Das liest man gleichzeitig als Devise seiner eigenen Gedichte: Den Widersprüchen auf den Grund gehen, das Paradoxe unserer Gegenwart in heiter-bissiger Poesie aufzeigen.

Jürg Halter: Gemeinsame Sprache. Gedichte. Dörlemann, 156 Seiten.