Theater
Zu fünft in der Schiffbau-Halle: Wie man am Theater während der Coronakrise probt

Regisseur Christopher Rüping probt am Schauspielhaus Zürich derzeit seine Lifestream-Inszenierung «Dekalog». Über bizarre Probesituationen und Schauspieler, die sich selbst schminken müssen.

Julia Stephan
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Kuchen backen live in der dritten Folge von Christopher Rüpings Lifestream-Inszenierung «Dekalog».

Kuchen backen live in der dritten Folge von Christopher Rüpings Lifestream-Inszenierung «Dekalog».

zvg

Schauspielerin Alicia Aumüller steht auf der Schiffbau-Bühne und rastet aus. Sie schmeisst den mit viel Liebe, aber wenig Talent zusammengerührten Kuchenteig zu Boden. So verzweifelt blickt sie in die Livestreamkamera, dass es dem Publikum an den Endgeräten mulmig wird. Dieses Publikum hat soeben online abgestimmt: Aumüller darf ihrem Ex bei der Suche nach seiner vermissten Tochter nicht helfen. Sie soll nach Hause, zurück zu ihrer Familie.

Seit dem 17. April steht der Filmklassiker «Dekalog» des polnischen Autorenfilmers Krzysztof Kieślowski in der Regie von Christopher Rüping auf dem digitalen Spielplan des Zürcher Schauspielhauses. Kieślowski unterzog die Zehn Gebote in den 1980er-Jahren einem Realitycheck: Ist moralisch korrektes Handeln überhaupt möglich? Und wo funkt der Faktor Mensch mit seinen Leidenschaften dazwischen?

Der vom Publikum (rund 500 Zuschauer waren am letzten Sonntag für Episode 3 zugeschaltet) geforderte egoistische Rückzug in die Kernfamilie hat allerdings auch Regisseur Rüping überrascht. Der Regisseur hat den «Dekalog» 2014 schon einmal am Schauspiel Frankfurt inszeniert. Auch damals durfte das Publikum ins Geschehen eingreifen.

Doch wie wer abstimmte, war in dieser analogen Aufführung jederzeit sichtbar. «Manche haben bei unserem Online-‹Dekalog› bestimmt aus inhaltlichen Gründen so abgestimmt. Bei anderen habe ich das Gefühl, dass sie aus Lust an der Provokation explizit gegen den vermeintlichen Willen der Schauspielerin gevotet haben. Ein bisschen wie die Trolls eben. Es gibt nicht die soziale Kontrolle wie beim Theaterbesuch.»

Das Theaterlagerfeuer muss digital weiterflackern

Der Zürcher Online-«Dekalog» ist Rüpings Versuch, das Theater in Coronazeiten für den digitalen Raum fit zu machen. Seine Gedanken darüber verbreitet er via Twitter: Online-Theater soll kein Konsumgut sein wie eine Netflix-Serie. Es sei interaktiv und bleibe flüchtig.

Nicht als Einzelereignis, sondern als Work in Progress müsse es erst in seine Form hineinwachsen. Klar ist für Rüping auch: Das Theaterlagerfeuer muss digital weiterflackern, und zwar auf einer Bühne, nicht mit irgendeiner verwackelten Videoaufnahme aus einem Wohnzimmer.

Wie wird er diesen Ansprüchen gerecht, jetzt, wo alles reglementiert und die Theater geschlossen sind? Wie probt man einen «Dekalog» mit Social Distancing? Am Schauspielhaus Zürich arbeitet nur noch ein kleiner Teil der Belegschaft. Alle am «Dekalog»-Projekt Beteiligten haben sich freiwillig gemeldet.

«Bei den Proben durften sich nicht mehr als vier Leute in einem Raum aufhalten, alle mit mindestens zwei Meter Abstand. Neuerdings ist auch zu fünft erlaubt», erklärt Rüping. Die Schauspieler kleben ihre Mikroports selbst. Sie schminken sich selbst. Der Maskenbilder steht mit Mundschutz in zwei Meter Abstand daneben und schaut zu.

Selbst bei der Vorbesprechung der «Dekalog»-Episoden seien laut Rüping lediglich er, die Regieassistenz, die Schauspielerin oder der Schauspieler sowie die Dramaturgin anwesend. Geprobt werde am Tag der Aufführung. «Die Schauspielerin oder der Schauspieler ist allein mit dem Kameramann und dem Tontechniker in einem Raum, und ich sitze in einem Nebenraum und bin über Funk und Video mit ihnen verbunden.»

Wenn es die strengen Auflagen nicht unmöglich machen würden, müsste man darüber einen Dokumentarfilm drehen.»Christopher Rüping, Regisseur

Dass diese Vier- beziehungsweise Fünf-Personen-Regel auch am improvisierten Premierenabend in der grossen Schiffbau-Box gilt, die normalerweise 200 Zuschauer fasst, ist eine der Absurditäten, die Corona so hervorbringt.

«Wenn es die strengen Auflagen nicht unmöglich machen würden, müsste man darüber einen Dokumentarfilm drehen», findet Rüping.

«Dekalog», Episode 5.25.2., 21Uhr via Livestream: www.schauspielhaus.ch