Zu bequem für richtig gute Musik

Mit seinem ersten Album ist das Indie-Trio Daughter in England voll durchgestartet. Im Interview sagt der in London wohnhafte Schweizer Igor Häfeli, warum er weg musste und wie die alte Heimat sein Songwriting beeinflusst.

Marlies Seifert
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Bei der britischen Band Daughter singt Elena Tonra über dunkle Gefühle, und Remi Aguilella und Igor Haefeli (r.) geben dazu den Takt an. (Bild: pd)

Bei der britischen Band Daughter singt Elena Tonra über dunkle Gefühle, und Remi Aguilella und Igor Haefeli (r.) geben dazu den Takt an. (Bild: pd)

Herr Häfeli, Sie und Sängerin Elena Tonra waren ein Paar. Wie gehen Sie mit ihren sehr persönlichen, oft melancholischen Texten um?

Igor Häfeli: Das konnte ich schon immer ziemlich gut trennen. Ich habe die Texte nie auf mich oder uns bezogen. Das ist auch wichtig, um Elena die Freiheit zu lassen, ihre Emotionen auszudrücken. Die Lyrics handeln allein von ihr und wie sie sich fühlt.

Das zweite Album «Not To Disappear» klingt deutlich rockiger als der Vorgänger. Wurde das durch die sehr ausgedehnte letzte Tour beeinflusst?

Häfeli: Geschrieben haben wir unterwegs nichts, aber das harte Touren hatten wir beim Schreiben der neuen Platte bestimmt im Hinterkopf. Schliesslich waren wir fast drei Jahre auf Achse.

Überlegt man sich da auch, zu was die Leute gerne tanzen würden?

Häfeli: Nein. In der Hinsicht sind wir sehr egoistisch. Wir machen das, was uns gefällt. Aber am Ende geht es natürlich darum, Gefühle zu wecken. Etwas bei den Leuten auszulösen.

Wenn Sie das neue Album einer Jahreszeit zuordnen müssten. Welche wäre das?

Häfeli: Wir haben die Songs mitten im New Yorker Sommer aufgenommen, und der ist bekanntermassen ausgesprochen heiss. Wir haben uns vom New Wave inspirieren lassen und waren gedanklich in Los Angeles am Strand: Am Meer, aber in urbaner Gegend. Also: Es ist definitiv ein Sommeralbum.

Hier freuen wir uns gerade über den ersten richtigen Schnee.

Häfeli: Früher bin ich ständig Ski und Snowboard gefahren. Heute ist mir das Unfallrisiko zu hoch. Meine Hände sind mein Kapital. Die darf ich mir nicht brechen. Aber ich gehe gerne wandern und geniesse die frische Bergluft.

Würden Sie sagen, die Musik von Daughter hat etwas typisch Schweizerisches?

Häfeli: Ja. Die musikalischen Landschaften, die wir kreieren, sind bestimmt von meiner Kindheit und Jugend in der Schweiz inspiriert. Von der überwältigenden Schönheit der Natur umgeben zu sein, hat mich tief prägt. Die Schweiz ist ein Teil von mir. Auf dem letzten Album hatten wir sogar einen Song mit dem Titel «Switzerland».

Ihre Heimat ist inzwischen aber London.

Häfeli: Mit 20 Jahren nach London zu ziehen war eine wichtige Entscheidung. Anfangs wollte ich nur für ein Jahr bleiben. Dann habe ich während des Musikstudiums Elena kennengelernt, und eines hat zum anderen geführt.

… und nun touren Sie mit Daughter um die Welt. Wäre diese Karriere auch möglich gewesen, wenn Sie in der Schweiz geblieben wären?

Häfeli: Dass es unmöglich gewesen wäre, will ich nicht sagen. Ich habe auch in der Schweiz schon in verschiedenen Bands gespielt. Aber ist es einfach so, dass die meisten Musikkonsumenten eher nach aussen orientiert sind. Es gibt nicht genügend Plattformen für junge Bands. Und dann fehlt vielleicht manchmal auch der Mut.

Wie meinen Sie das?

Häfeli: Das Leben in der Schweiz ist sehr angenehm, was natürlich toll ist. Aber es bedeutet halt auch, dass die Leute ihre Komfortzone nur ungern verlassen. Dabei ist es gerade in der Musik wichtig, etwas zu wagen. Sich auf etwas Neues einzulassen.

Verfolgen Sie die Schweizer Musikszene?

Häfeli: Sophie Hunger finde ich grossartig. Und ich bin immer noch mit einigen Musikern aus früheren Zeiten befreundet, aber ich bin nicht auf dem neusten Stand.

«Not To Disappear» von Daughter ist gestern erschienen. Konzert: 9.2., im Kaufleuten, Zürich

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