Sechs Schweizer Designbüros zeigen auf: So leben wir nach der Pandemie

Zimmer der Zukunft
Sechs Schweizer Designbüros zeigen auf: So leben wir nach der Pandemie

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Die Auswirkungen von Corona stellen neue Ansprüche an den Raum. Ideen, wie damit umzugehen ist, hält die Designgeschichte bereit.

Anna Raymann
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Zu Hause ist es am schönsten – die Pandemie hat aus einem Kalenderspruch Wahrheit gemacht. Die Welt ist klein geworden, Restaurant, Fitnesscenter und Büro sind nun potenziell lebensbedrohliche Räume. Was bleibt, ist der Rückzug in die eigenen vier Wände, der Rückzug ins Private, das längst nicht mehr so privat ist wie zu Biedermeierzeiten.

Die Heimarbeit und mit ihr die Videotelefonie holt Kollegen und Chefinnen an den Küchentisch, und abends beim Streaming sitzt das gesamte Theaterpublikum virtuell nebeneinander auf dem Sofa. Wie für echten Besuch ist die Wohnung dazu hübsch hergerichtet, schliesslich verrät das Zuhause viel über den Menschen, der darin lebt. Kaum je hat also mehr interessiert, wie wir wohnen. Das äussert sich auch in Zahlen, ausgerechnet im Corona-Krisenjahr 2020 wuchs der Möbelmarkt in der Schweiz erstmals seit zehn Jahren.

Sebastian Marbacher setzt Ikonen an einen Tisch.

Sebastian Marbacher setzt Ikonen an einen Tisch.

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Dabei ist die Schweiz ein Land, das bekannt ist für Stühle und Leuchten, das gelöcherte Aluminium von Hans Corays Landistuhl ist eine Ikone. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder Europas mit nationaler Designförderung. Gerade jetzt könnte ein Blick in die Designgeschichte helfen, neue Ansprüche an den Raum zu stellen. Einfach macht das die neue Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung. Sechs Schweizer Designbüros durften aus der hauseigenen Sammlung heraus «ihr» persön­liches Zimmer zusammenstellen.

Bunt und beweglich wohnen

Die sechs Zimmer tragen die Handschrift der gestaltenden Designerinnen und Designer. Das bemerkt Jörg Boner, Produktdesigner, Präsident der Eidgenössischen Designkommission. Im Museum für Gestaltung sucht er in «seinem» Zimmer nach den Mythen des Schweizer Designs. «Keiner der Räume gleicht einem anderen auch nur ansatzweise. Der Rundgang erzählt damit, wie vielfältig die Schweizer Design­geschichte ist.» Den einen Design­mythos gibt es jedenfalls nicht. In Boners Zimmer findet man mindestens zwei Erzählungen.

Dort stellt der Produktdesigner mit Regal, Bett und Tisch der Serie Lehni von Andreas Christen und der Halo-Leuchte von Rosmarie und Rico Baltensweiler die schweizerische Zurückhaltung auf: uhrmacherisch präzis, fast protestantisch und klar. Boner sagt:

«Das ist das Schweizer Designselbstverständnis. Die Erzählung wurde so oft wiederholt, bis man sie selbst glaubte.»

Die Position bricht er mit den «Wilden» der hiesigen Szene. Da ist Sophie Taeuper-Arp, wegbereitend subversiv, und der in Brüssel lebende Textildesigner Christoph Hefti mit bunten, auch skurrilen Erzählungen. «Mir war es wichtig, mit den wilden Positionen eine Klammer um das ‹klassische› Designverständnis zu schlagen. Beide Haltungen gehören zur Schweiz.»

Wild gepunktet geht es bei Adrien Rovero zu.

Wild gepunktet geht es bei Adrien Rovero zu.

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Und was nehmen wir aus der Zeitreise in die Designgeschichte mit?

In den letzten, eingepferchten Monaten ist die Lust am Landleben gewachsen, die Enge der Stadt hatte bedrückt. Umso überbordender sprudelt es in den anderen Zimmern. Artdirector Connie Hüsser schickt ihr Zimmer «with love» auf Musterjagd in die 1980er-Jahre, jedes Objekt ein Lieblingsstück. Adrien Rovero richtet ein Spielzimmer ein, das Bett von Kurt Thut lässt sich wie ein Scherengitter falten, wie es gerade passt. Und Sebastian Marbacher träumt von einer langen Tafel «Tavolata», an der jeder Gast seinen eigenen Platz hat. Der Blick in die Runde ist lustvoll bunt.

Connie Huesser schickt ihr Zimmer auf Zeitreise in die 80er Jahre.

Connie Huesser schickt ihr Zimmer auf Zeitreise in die 80er Jahre.

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Und was könnte nun ein neuer Mythos sein? Reduziert und praktisch, schlägt das Lausanner Designduo Panter & Tourron vor. Ihr Zimmer könnte man überall aufschlagen, im kleinen Strandbungalow oder im Wolkenkratzer-Apartment. Noch heute für die digitalen Nomaden geeignet: Ein Bett, das zugleich Tisch sein kann (Abitacolo von Bruno Murani, 1971).

DHeute hier, morgen dort: Die Aussicht projeziert Panter & Tourron an die Wand.

DHeute hier, morgen dort: Die Aussicht projeziert Panter & Tourron an die Wand.

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Beim Designduo Kueng Caputo sucht man Tisch und Schrank vergebens, in ihrem Zimmer sieht man nur das, worin es einst verpackt war: Die ploppende Luftpolsterfolie, das raschelnde Papiergestrüpp – Schutz für die Möbel, die bei geschlossenen Geschäften von Tür zu Tür geschickt wurden.

Die Frage steht damit im Raum: Wird Covid unser Designverständnis verändern? Jörg Boner wägt ab: «Es braucht mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Themen eine neue Erzählung. Dass sich etwas im Designverständnis ändern muss, wissen wir aber nicht erst seit Corona. Der Klimawandel wird einen solchen Wandel heftiger und einschneidender vorantreiben.»

Eine Sammlung in der Sammlung: Kueng Caputo fanden die schönsten Verpackungen.

Eine Sammlung in der Sammlung: Kueng Caputo fanden die schönsten Verpackungen.

Bild: Ivan Suta, Museum für Gestaltung

Wir sind in einer Zeit, in der unsere Lebensweise nicht von einer, sondern von mehreren Krisen angegangen wird. Tatsächlich spiegelt sich das längst in den Produkten und reicht bis zur Verpackung. Denn, was man bei Kueng Caputo für Plastik hält, wurde durch Pilzgeflecht und Maisstärke ersetzt.

6 Zimmer x 6 Positionen, Museum für Gestaltung, Zürich, seit 16.8.

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