Zickzackfamilie

lesbar Belletristik «Lilis Geschichte ist nicht Lilis Geschichte»: So steht es gleich auf der ersten Seite, ein ferner Nachhall beinah von Frischs «Ich bin nicht Stiller». Diese Lili will sich denn auch nicht fassen lassen, zumindest nicht in eine bürgerliche Biographie.

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«Lilis Geschichte ist nicht Lilis Geschichte»: So steht es gleich auf der ersten Seite, ein ferner Nachhall beinah von Frischs «Ich bin nicht Stiller». Diese Lili will sich denn auch nicht fassen lassen, zumindest nicht in eine bürgerliche Biographie. Sie lebt mit Tochter Emma und dem kleinen Werner unstet, ein zickzackreiches «Hasenleben», wie der Titel des Romans heisst – mal in Genf, mal in St. Moritz, dann in einem namenlosen Dorf, Lili kellnert und lässt ihre Kinder ihren Weg gehen. Diese Kinderschicksale sind der faszinierende Kern des Erstlingsromans von Jens Steiner. Emma, die Ältere, beobachtet, trägt Verantwortung und schreit innerlich nach Geborgenheit: Erst «ritzt» sie sich, dann rennt sie durch Wälder, schliesslich haut sie ab. Da ist ihr kleiner Bruder Werner schon tot, ertrunken, er, der König der Keller und heimlichen Gänge durch Hotelflure und fremde Zimmer. Zwei Kinder ohne anwesende Mutter und mit nur als Phantom auftauchendem Vater: Jens Steiner schafft rund um diese Nicht-Familie eine geheimnisreiche und detailgenaue Atmosphäre. Im zweiten Teil sind die Haken, die Emma quer durch Europa schlägt, nicht mehr ganz so zwingend. Insgesamt aber folgt man dem jungen Autor – diese Woche live in St. Gallen zu hören – gebannt auf den Hasenwegen, die er mit zu früh erwachsen gewordenen Kinderblicken schildert.

Jens Steiner: Hasenleben, Roman, Dörlemann Zürich 2011, Fr. 30.50. Der Autor liest am Do, 7. April, 20 Uhr, in der Comedia St. Gallen.

Kindheitsglühen

Eine Familienkonstellation, noch einmal, wie im oben vorgestellten Buch von Jens Steiner – nicht ganz so krud, aber auch nicht konfliktfrei: Karin Richner erzählt im Roman «Sieben Jahre Schlaf» von drei Frauen, Tochter Lucie, Mutter Aline und Grossmutter Estelle. Lucie besucht ihre Mutter, nachdem diese einen Hirnschlag erlitten hat, in Südfrankreich und holt mit dieser Rückkehr ihre Erinnerungen an die Kindheit noch einmal an die Oberfläche. Zwischen Idylle und, nachdem die Mutter Vater und Tochter allein lässt, Verstörung pendeln die Kindergefühle und flimmern die Erinnerungsbilder unter dem glühend heissen Midi-Himmel.

Karin Richner: Sieben Jahre Schlaf, Bilgerverlag Zürich 2011, Fr. 26.–

Peter Surber

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