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ZEITZEUGNIS: Pedicure mit Zuschauern

Die Fotografien von Rico Scagliola und Michael Meier in der Kunsthalle St. Gallen entlarven die Städte dieser Welt als uniforme Unorte des Konsums.
Christina Genova

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Ernst und etwas skeptisch blickt das kleine Mädchen in die Kamera. Das Blitzlicht hat ihm einen sternförmigen Lichtreflex ins Haar gezaubert. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die Rico Scagliola und Michael Meier in den letzten vier Jahren auf Strassen, Plätzen oder in Einkaufszentren fotografierten, hat es die beiden Zürcher Künstler entdeckt. Gleichzeitig blickt es den Betrachtern direkt in die Augen, die von Beobachtern zu Beobachteten werden. In der Kunsthalle St. Gallen zeigen Scagliola und Meier in ihrer ersten umfassenden Einzelausstellung «Together» 39 Fotos, die in Städten wie Zürich, Paris, New York oder Beirut entstanden sind. Es ist eine kleine Auswahl aus Hunderten von Bildern, die anfangs aus dem Moment heraus, ohne Plan entstanden, einfach weil Scagliola und Meier gerne Menschen auf der Strasse beobachten: «Es geht um absolut banale Momente. Es passiert nichts», sagt Michael Meier.

Doch die Fotos, die auf den ersten Blick wie Schnappschüsse wirken und in der Tradition der «Street Photography» stehen, sind sorgfältig ausgewählt. Je länger man die grossformatigen ­Bilder betrachtet, desto augen­fälliger werden bestimmte Ge­setz­mäs­sigkeiten. Es sind ent­­lar­vende Momentaufnahmen des auf Konsum optimierten öffentlichen Raums; als «zeitgenössische Sittengemälde» werden sie im Saalblatt bezeichnet. Fotografiert haben Scagliola und Meier mit einer digitalen Spiegelreflexkamera und Blitzlicht: «Es macht alles flach und weist auf Details hin», sagt Michael Meier.

Ich konsumiere, also bin ich

Häufig ist es unmöglich zu sagen, wo das Foto aufgenommen wurde. So homogen und austauschbar sind mittlerweile die Städte dieser Welt: Überall findet man dieselben Läden internationaler Ketten. Auch Aussehen, Kleidung und Hautfarbe der Menschen bieten keinen Anhaltspunkt, urbane Räume sind in Zeiten der Globalisierung und weltwei- ter Migrationsbewegungen Schmelztiegel par excellence.

Auffallend viele Kinder sind zu sehen: «Sie leisten mehr Widerstand. Das hat uns interessiert», sagt Rico Scagliola. Kinder sind Störfaktoren, sie haben das Mantra «Ich konsumiere, also bin ich» noch nicht verinnerlicht. Sie sind aber vor den Verlockungen der Warenwelt nicht gefeit. Auf einem Bild sieht man drei weibliche Jugendliche andächtig in einem Kosmetikgeschäft stehen.

Alles ist verglast in unseren Innenstädten: «Glas ist ein ideologisiertes Material, das Transparenz und Offenheit signalisiert», sagt Kurator Giovanni Carmine. Fast schon erschreckend ist es, wobei sich Menschen in der Öffentlichkeit zuschauen lassen: beim Küssen, Schlafen, Musik hören, bei der Pedicure. Aber vor allem beim Einkaufen. Essen ist auch sehr beliebt: Shoppen und Fast Food scheinen eine Art von natürlicher Symbiose einzugehen. Schnell essen, damit die Shoppingtour so kurz wie möglich unterbrochen werden muss. Auch ins Smartphone wird ausgiebig gestarrt. Bestandteil der Ausstellung sind auch Ausschnitte aus Unterhaltungen, die das Künstlerduo auf der Strasse aufschnappte, aus YouTube-Videos oder Gesprächen mit Freunden. Oberflächliches Getratsche über den Kleidungsstil einer Bekannten ist ebenso vertreten wie ein vertrauensvolles Geständnis über die Schwierigkeiten einer Fernbeziehung. Globalisiertes Rhabarbern, das in Zürich ebenso stattfinden könnte wie in Paris oder London.

Verstohlene Blicke

Im letzten Raum setzt die Ausstellung mit dem Film «Together» einen starken Schlusspunkt. Anders als die Fotografien, die auf keine bestimmte Bevölkerungsgruppe fokussieren, zeigt der Film Jugendliche, die sich auf der letzten Basler Herbstmesse auf der «Tagada»-Bahn vergnügen. Es ist ein Ort, wo männliche und weibliche Jugendliche zusammentreffen, sich verstohlene Blicke zuwerfen und sich scheinbar zufällige Berührungen ergeben. Auf der Bahn gelten eigene Regeln: Sich festzuhalten ist uncool, in Balance zu bleiben ist alles. «Together» findet eindrückliche Bilder für das Lebensgefühl junger Menschen von heute.

Bis 29.10. Zur Ausstellung ist bei Edition Patrick Frey ein Bild- und Textband erschienen.

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