Eröffnung Ittinger Pfingstkonzerte: Zeitgenössische Musik mit Papagei

Die Ittinger Pfingstkonzerte eröffneten ihre Jubiläumsausgabe mit Jubel für neue Musik der Schweizer Komponistin Helena Winkelman.

Herbert Büttiker
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Grossser Applaus für Helena Winkelman, den Solisten Nicolas Altastaedt (l.) und den Dirigenten Barnabas Kelemen in de Remise der Kartause Ittingen. (Bild: Herbert Büttiker)

Grossser Applaus für Helena Winkelman, den Solisten Nicolas Altastaedt (l.) und den Dirigenten Barnabas Kelemen in de Remise der Kartause Ittingen. (Bild: Herbert Büttiker)

Der Cellist, und man betont nach dem Eröffnungskonzert vom Freitagabend der Cello-Virtuose Nicolas Altstaedt, hat das diesjährige Festival in der Kartause Ittingen konzipiert. Für den Eröffnungsabend hat er dem Festival zum 25. Geburtstag das erstmalige Ereignis einer Uraufführung beschert, ein Cellokonzert, das die 1974 in Schaffhausen geborene, in Basel lebende Helena Winkelman für ihn komponiert hat und das er mit eklatantem Erfolg vortrug. Das Lockenhaus Festival Ensemble spielte den herausfordernden Orchesterpart und imponierte mit seiner präzisen spielerischen Präsenz.

Dass allerdings, anders als vorgesehen, noch kurzfristig ein Dirigent beigezogen werden musste, verwundert nicht.

Kaum vorstellbar, dass diese in Stimmführung und Rhythmus komplex strukturierte Musik ohne Dirigent hätte über die Bühne gehen können. Kurzfristig übernahm Barnabás Kelemen diese Aufgabe, und so bekamen dank seines überlegenen Einsatzes die fulminanten Steigerungen, das Spiel mit überraschenden Akzenten und Breaks des finalen «Perpetuum mobile» die mitreissende Wirkung. Der Drache Ladon scheint für Winkelman eine Art Hydra zu sein, der immer wieder neue Köpfe nachwachsen, und Winkelman zaubert immer wieder neue Varianten hervor, um das Perpetuum mobile am Laufen zu halten.

«Atlas», eine grosse Komposition in drei Sätzen für Solocello, Streicher und Pauken, macht überhaupt der wilden Fantasie der griechischen Mythologie alle Ehre, wobei sie natürlich auch an das Instrument und seinen brillanten Spieler gedacht hat.

Inspiriert auch vom stürmischen Herakles

Das Werk beginnt mit tiefen, voluminösen und rauen Tönen des Solocellos und irisierenden hohen Streicherharmonien: Der kraftvolle, ruhende Gott, der Träger des Himmelsgewölbes, und der stürmische Held Herakles haben die Komponistin inspiriert. Ein leidenschaftlicher Gestus des ganzen Orchesters drängt immer mehr, die Pauke hat zu tun, der tatendurstige Herakles rückt ins Hörbild, Cello und Violine duettieren. Winkelmans Musik, das zeigt sich über alles, weiss Rhythmen, Motive und die harmonische Wirkung so zu steuern, dass sie aussermusikalische Assoziationen nahe legt, aber auch rein musikalisch fesselt. Das geschieht im atmosphärischen zweiten Satz, der mit Flageolett des Solocellisten, mit Glissandi und Spezialeffekten (die federnde Stricknadel zwischen den Saiten) fast hypnotisiert.

Wenn man mag, kann man da den exotischen Zauber vom Garten der Hesperiden und den goldenen Äpfeln erleben.

Es ist aber auch einfach ein fantastisches Spiel musikalischer Poesie, ohne neue Musik zelebrieren zu wollen, gekonnt in Noten gesetzt.

Harmonien, die Haydn nicht für möglich gehalten hätte

So musikantisch wie Haydn – an diese Wahlverwandtschaft zu denken, wurde einem nahegelegt: Das Konzert begann und endete ja auch in dessen Namen. Zu Beginn des Konzerts interpretierte das Quartetts der Camerata Variabile Basel mit Helena Winkelman als Primaria Haydns Streichquartett C-Dur von 1781, das aus hörbar naheliegenden Gründen den Beinamen «Vogel-Quartett» bekam. In der zweiten Programmhälfte spielten die vier sodann Winkelmans «Hommage à Haydn, ein Streichquartett», komponiert 2016, das auf das «Vogel-Quartett» Bezug nimmt, aber mit eigenem Humor, eigenen Vögeln, Haydns Papagei inklusive, aufwartet und auch mit kompositorischer Fantasie, mit schrägen Tönen und Harmonien, die Haydn nicht für möglich gehalten hätte.

Wer sie unter den Hörern noch immer für nicht möglich hält, bekam zum Schluss noch den reinen Haydn: Nicolas Altstaedt spielte mit seiner stupenden Technik federnd leicht dessen C-Dur Konzert, den Moderato-Satz gar lakonisch forsch, das finale Presto unüberbietbar flink.