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ZEITGENÖSSISCHE MUSIK: «Musik ist keine heile Welt»

Seit 2010 gibt es in der Region das Bodan Art Orchestra. Ein Ensemble, in dem auch viele Komponisten mitspielen. Dietmar Kirchner ist einer von ihnen. Er findet, Musik dürfe sich nicht vom Politischen abkoppeln.
Martin Preisser
Komponist Dietmar Kirchner: Das Bodan Art Orchestra führt zwei Werke des Vorarlbergers auch in der St. Galler Grabenhalle auf. (Bild: Sabrina Stübi)

Komponist Dietmar Kirchner: Das Bodan Art Orchestra führt zwei Werke des Vorarlbergers auch in der St. Galler Grabenhalle auf. (Bild: Sabrina Stübi)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Eines seiner Vorbilder ist der Komponist Hanns Eisler, der grosse Vertoner von Texten Bertold Brechts. Der Vorarlberger Komponist Dietmar Kirchner erinnert sich gerne an ein Interview, in dem Eisler die Dummheit in der Musik gegeisselt hat.

Kirchner geht recht streng mit der klassischen Musikszene ins Gericht. Er findet, viele zeitgenössische Komponisten würden viel zu viel über die Musik selbst nachdenken, über Satztechniken und kompositorische Strategien, anstatt im Hier und Jetzt zu sein. Musik müsse auch auf die gesellschaftliche Wirklichkeit und die politische Situation reagieren, findet der 50-jährige Komponist aus Hohenems. Und sie tue das viel zu wenig.

Dietmar Kirchner kennen die Ostschweizer Jazzfreunde als sensiblen und wendigen Bassisten im Markus Bischof Trio. Der Musiker, der sich derzeit an der Bruckner-Uni in Linz kompositorisch weiterbildet, unterrichtet in Arbon auch Musikschüler in Komposition. «Mir ist dabei wichtig, dass sich schon die Schüler getrauen, Eigenständiges zu schreiben, dass sie spüren, was sie gerade wirklich ausdrücken wollen.»

Die Sängerin ist vereinsamt und abgekoppelt

Ein Markenzeichen des Bodan Art Orchestra ist es, dass es sich als Plattform für Komponisten der Region präsentiert. Dietmar Kirchner, der in der Schweiz sowohl Kontrabass wie E-Bass studiert hat, steuert zum diesjährigen Programm, das am Samstag startet, zwei Kompositionen bei. Ein Stück ist für Holzbläser und Gesang geschrieben und in der Zwölftontechnik gehalten. Kirchner stellt die Sängerin quasi vereinsamt und abgekoppelt «gegen» die Musiker. Das soll auch kompositorisches Abbild einer heute mehr und mehr einsamen Kommunikation im Zeitalter von Whatsapp und Facebook sein. In einem zweiten Stück lässt Kirchner die «heile Welt» eines Renaissance-Kontrapunkts auf die verzweifelte Gefühlswelt der Sängerin treffen, die für diese Gefühlswelt aber keine Antworten mehr findet.

Dietmar Kirchner liebt selbstverständlich auch die traditionelle klassische Musik als Hörer. Auch wenn er findet, dass diese sich – im Konzertbetrieb rückwärtsgewandt und oft nur noch als komfortable Erinnerungskultur – längst von der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit abgekoppelt habe. «Klassische Musik funktioniert auf der ganzen Welt als perfektes System, aber sie gibt keine Antworten auf die aktuellen Probleme unserer Zeit.» Auf die Fragen der Gegenwart musikalische Antworten zu finden, das sei auch die Aufgabe von zeitgenössischer Musik, findet Dietmar Kirchner und ist als Österreicher mittendrin in der Kritik an der neuen Regierung seines Heimatlandes, die keine Ideen für die Zukunft und die drängenden Fragen parat habe, sondern Konzepte der Vergangenheit bediene.

Konzerte: So, 7.1., 17 Uhr, Gymnasium St. Antonius, Appenzell; So, 14.1., 17 Uhr, Grabenhalle, St. Gallen; weitere Auftritte in Schaan, Chur, Konstanz und Schaffhausen; bodanartorchestra.ch

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