Zeit als visuelles Kinoereignis

In «The End of Time» unternimmt der schweizerisch-kanadische Filmemacher Peter Mettler eine Annäherung an unsere Wahrnehmungen und Vorstellungen von Zeit. Ein ebenso bildschöner wie faszinierend vielschichtiger Filmessay. Kommenden Montag ist Mettler zu Gast im Kinok.

Andreas Stock
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«The End of Time» geht sehr nah dran ans Überwältigende. (Bild: pd)

«The End of Time» geht sehr nah dran ans Überwältigende. (Bild: pd)

Eigentlich ist «The End of Time» von Peter Mettler ein zeitloser Film über die Zeit. Doch die allererste Szene ist gerade verbunden mit einer Tagesaktualität. Denn der geplante Rekordsprung von Felix Baumgartner aus der Stratosphäre hat einen Vorläufer: Astronaut Joseph Kittinger sprang 1960 ebenfalls aus einem Ballon am Rande des Weltraums. Für Kittinger, der durch den Raum fiel, schien dabei kurz die Zeit stillzustehen. Die spektakulären Bilder des freien Falls umreissen bereits das weite Feld zwischen menschlicher Wahrnehmung, wissenschaftlicher Forschung und kosmischer Geheimnisse, in das einen der schweizerisch-kanadische Filmemacher mitnehmen wird.

Mit «The End of Time» beschliesst Peter Mettler eine Trilogie, die mit «Picture of Light» (1996) begann und die er mit dem vielfach preisgekrönten «Gambling, Gods & LSD» (2002) fortsetzte. Jeder Film unternahm eine Reise in die Welt mit der Absicht, «Dinge und Ideen zu entdecken, ohne genau zu wissen, wohin die Reise führen wird», wie Mettler im Gespräch am Filmfestival Locarno erläutert; dort lief sein Film im Internationalen Wettbewerb.

«Mein schwierigster Film»

Was ist Zeit? Hat Zeit ein Ende, und was folgt dann? Und wie empfinden wir Zeit? Auf der Suche nach möglichen Antworten und Definitionen sammelte Mettler über einen Zeitraum von fünf Jahren Bilder und Töne, er begegnete Menschen und Orten, für die Zeit eine besondere Bedeutung hat. «Es war mein schwierigster Film bisher», gesteht der Filmemacher. Es sei ein weites Feld für einen Film. Er habe darum die Zeit mit jenen Mitteln betrachten wollen, die ihm am besten vertraut sind. Es sind jene des Kinos, die es ihm mit Bildern, Tönen, Zeitlupen, Zeitraffern und einer kunstvollen Montage ermöglichen, mit der Vorstellung und Wahrnehmung von Zeit zu spielen.

«Am Anfang», erzählt Mettler, «stand die Idee, einen Film über Wolken zu machen.» Wogende Wolken eröffnen auch den bildgewaltigen Film. Eine dieser Aufnahmen entstand in der Region, in St. Anton AR; ein Ort, der ihm eine Art Heimat geworden sei. «Ich habe im Alpenhof <Gambling Gods> geschnitten», sagt er. Eine Aufnahme habe er aus dem Fenster des Alpenhofs gedreht. Weitere Drehorte waren Detroit, Toronto, Indien, Hawaii, das Cern in Genf.

Rauschhaftes Geflecht

Jedes der faszinierenden Bilder dreht sich um Zeichen oder Wahrnehmungen von Zeit; zeigt Spuren, die sie über Jahre und Jahrhunderte hinterlassen hat. Beispielsweise auf einer Vulkaninsel im Süden Hawaiis. So assoziativ die Montage das Thema umkreist, scheint sie auch musikalischen Gesetzmässigkeiten zu folgen. «Das stimmt», bestätigt Mettler, der gelegentlich Musikperformances macht, «allerdings behalte ich die inhaltliche und erzählerische Ebene im Auge». Die musikalische Struktur zeigt sich insbesondere in der «Mixxa-Sequenz»: «Sie ist ein zentraler Teil, alles fliesst hier zusammen und eröffnet eine andere Dimension, die sehr offen ist für Interpretationen.» Mit einer Software, die Mettler mitentwickelte, kann er Bildfolgen so manipulieren und ineinander verweben, wie ein Toningenieur unterschiedliche Tonspuren mischt. Das Ergebnis ist ein fast rauschhaftes, sinnliches Geflecht aus über- und ineinander gelegten, verfremdeten Bildern. Eine visuelle Komposition, in der Peter Mettler die zentrale Idee seines Films radikal umsetzt: Zeit als visuelles Kinoereignis, sie sinnlich und poetisch zu erfassen. Dabei vergisst er bei aller Bildermacht und philosophischer Gedankenspiele nie die Menschen. Am persönlichsten beim Gespräch mit seiner Mutter am Ende des Films.

Kinok, heute Do, 20.30 Uhr; 13.10., 17 Uhr; 15.10., 19.30 Uhr; 17.10., 20.30 Uhr; 23.10., 20.30 Uhr; 30.10., 17.30 Uhr; Am 15.10. ist Regisseur Peter Mettler zu Gast

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