Zeichnerische Promenade

Kunst Die Kunsthalle Wil besteht seit 25 Jahren. Die Künstlerin Katharina Henking hat ihr zum Jubiläum eine besondere Ausstellung eingerichtet und spielt auf einer breiten Klaviatur an Ausdrucksformen.

Dorothee Haarer
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Im Herzen scheint Katharina Henking Zeichnerin zu sein. Auch, wenn sie Installationen erschafft oder in Mischtechnik malt. Der Kunsthalle Wil hat die Künstlerin jetzt zum 25-Jahr-Jubiläum mit «Arabeske» eine Ausstellung «eingezeichnet» – aus Ästen, Rosenblättern und Kohle.

Zur Feier ihres 25jährigen Bestehens plante man in der Kunsthalle Wil eine Ausstellung mit «künstlerischer Idealbesetzung». Zumindest wenn es nach den Kuratorinnen des Hauses, Gabrielle Obrist und Claudia Reeb, ging. Dem geltenden Ansatz, Ausstellungen mit zeitgenössischen Positionen zu zeigen – vornehmlich plastisch oder installativ – sollte gerade zum Jubiläum Rechnung getragen werden. Auf der Suche nach einer Person, die dieses alles in sich vereinte, wurde man bei Katharina Henking fündig.

Leichtfüssig ausgehebelte Gattungsgrenzen

Henking spielt auf einer breiten Klaviatur an Ausdrucksformen. Sie erschafft malerische Arbeiten mit Acryl, Leinöl oder Graphit ebenso wie Installationen, Papierschnitte und immer wieder Zeichnungen. Bei diesem Facettenreichtum darf man sich nicht wundern, wenn die Winterthurer Künstlerin mit Ostschweizer Wurzeln auch in der Wiler Ausstellung ein ums andere Mal die Möglichkeiten verschiedener Materialien auslotet. Und mehr noch: Sie forscht auch nach Grenzen innerhalb der Kunstgattungen – Skulptur, Zeichnung und Installation – ohne sich von ihnen beschränken zu lassen.

Das passiert zum Beispiel bei ihrer Installation «Arabeske». Sie trägt den gleichen Namen wie die Ausstellung und ist ein schwebendes, dreidimensionales Gespinst aus trockenen Blütenblättern, Fichtennadeln, zarten Ästen, ausgebleichten Tulpenstengeln. Eigentlich nicht ungewöhnlich, bedenkt man, dass plastische Arbeiten sich heute immer weiter von traditionellen Werkstoffen wie Ton oder Bronze entfernen. Durch die Wahl ihrer Ausdrucksmedien – in Wald und Garten aufgespürtes organisches Material – lehnt sich Katharina Henking allerdings bewusst an ihr zeichnerisches Œuvre auf Papier an.

Dabei steigt sie einen Schritt früher ein, indem sie sich der Vorstufe des Papiers zuwendet: Holz und pflanzlichen Fasern. So bleibt sie ihrem zeichnerischen Repertoire an Materialien treu und nutzt es zugleich dazu, sich von den Fesseln der Zweidimensionalität zu lösen. Mit ihrer filigranen und zartfarbigen Installation erschliesst sie den Ausstellungssaal auf sehr zeichnerische Weise, setzt Striche, Linien und Schraffuren in die Luft. So überträgt die Künstlerin die Idee, was Zeichnen eigentlich beinhaltet, in den dreidimensionalen Raum und hebelt so Gattungsgrenzen leichtfüssig aus.

Einen stimmigen Kontrast zum zeichnerischen Schweben dieser plastischen Arbeit liefern die Kohlezeichnungen auf Papier, die Henking an den Wänden zeigt. Auch sie verweigern sich der unumstösslichen Zuordnung zu einer festen Kunstgattung. So wirkt etwa das 2016 entstandene Werk «Unschuld» von weitem ganz malerisch. Es scheint eine mit Pinsel bearbeitete graue Fläche zu sein. Keine Linie lässt sich blicken, die auf eine Zeichnung schliessen liesse. Erst beim Abtauchen in die Bildschichten erahnt man den Kohlestift anstelle des Pinsels für den Farbauftrag. Zuletzt erkennt man auch die menschliche Gestalt, die die Künstlerin auf dem Bildträger festhält – flüchtig, kaum greifbar, wie mit Rauch gemalt.

Darf Kunst vergänglich sein?

Henking unternimmt mit ihren Arbeiten in der Kunsthalle Wil einen Spaziergang durch die Welt des zeichnerisch Möglichen und setzt neue Akzente: Mit Installationen wie Zeichnungen. Und mit Zeichnungen, die wie Malereien wirken. Ebenfalls neue Akzente setzt sie im Hinblick auf die von ihr gewählten Rohstoffe: Sie sind organisch, frei verfügbar und vergänglich.

Ganz nebenbei lässt sie so noch Fragen durch den Raum wehen, wie die nach der Vergänglichkeit von Kunst und auch nach der Vergänglichkeit an sich. Die Antworten dazu sind ungewiss. Was aber sicher scheint, ist, dass diese Ausstellung in fester Erinnerung bleibt. Denn «Arabeske» in Wil ist eine Ausstellung, wie man sie jedem Kunstraum für eine Jubiläumsfeier nur wünschen würde.

Katharina Henking: «Arabeske», Kunsthalle Wil; bis 23.10. Do–So 14–17 Uhr Gespräch mit der Künstlerin: Mi, 14.9., 19 Uhr www.kunsthallewil.ch