Zeichnen mit dem Schweissgerät

Der Rheintaler Künstler Simon Kness hat in neunmonatiger Arbeit ein zwei Tonnen schweres Stahlpferd geschaffen. Das Objekt ist eine akribisch genaue Nachbildung. Am Wochenende kann es im Atelier in Lüchingen besichtigt werden.

Beda Hanimann
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Gebändigte Kraft: Der Rheintaler Künstler Simon Kness mit seiner zwei Tonnen schweren Pferdeskulptur. (Bild: Hanspeter Schiess)

Gebändigte Kraft: Der Rheintaler Künstler Simon Kness mit seiner zwei Tonnen schweren Pferdeskulptur. (Bild: Hanspeter Schiess)

LÜCHINGEN. Mit dem Ort hat es eine pfiffige Stimmigkeit. Wo einst Autocarrosserien bearbeitet wurden, hat Simon Kness seit zwei Jahren sein Atelier. In der ehemaligen Autospenglerei ausserhalb von Lüchingen bei Altstätten sucht auch er nach der perfekten Form in Stahl und Blech, bei ihm allerdings geht es um Pferdestärke im direkten Sinn. Die letzten Monate war er beschäftigt mit der Arbeit an einem zwei Tonnen schweren Stahlross. Inspiration bekam er auch aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie liegt ein Reithof. Da sei er oft hingegangen, um die Anatomie und die Bewegungen der Tiere zu studieren, sagt er.

Fanatischer Zeichner

Dass dem 51-Jährigen Präzision und Genauigkeit auch im Umgang mit zwei Tonnen Stahl wichtig sind, belegen nicht nur die Besuche nebenan. Im Atelier liegt ein sichtbar benütztes Buch mit Anatomiestudien und Pferdemotiven aus der Kunstgeschichte. Für seine Arbeit verwendete Kness Schnittmuster wie ein Schneider, und immer wieder griff er auf eigene Skizzen zurück. Kness ist ein fanatischer Zeichner, ohne Zeichenbuch geht er nicht aus dem Haus, seine Moleskine-Sammlung füllt schon eine schöne Bibliothek.

Mit seiner Pferdeskulptur hat Kness die zeichnerische Genauigkeit ins Monumentale übersetzt, sozusagen. Zuerst konstruierte er eine Art Skelett mit Brustkorb, Extremitäten und Sehnen, dann zog er mit Stahlblechen quasi die Haut darüber und verschweisste sie. Mit schwerem Gerät hämmerte und formte er das glühende Eisen, bis ihm die Flächen, Rundungen und Verläufe authentisch genug erschienen. «Ich habe früher schon Pferde gemalt, aber dreidimensional, das war schon eine Herausforderung, das hat mich an den Rand meiner Kräfte gebracht», sagt er.

Eingefrorene Bewegung

Das Ergebnis ist verblüffend. Der zum Abschluss geölte Pferdekörper glänzt wie die Haut eines lebenden Pferdes, man glaubt Muskeln und gespannte Sehnen zu erkennen. Da hat einer, könnte man sagen, mit dem Schweissgerät gezeichnet. «Es soll leicht wirken und nicht wie ein Eisenbrocken. Wichtig war mir der eingefrorene Moment der Bewegung», sagt Kness. In spannendem Kontrast dazu steht die Pose des Tieres, das ist kein souverän sich über Hindernisse schwingendes Pferd. Es ist in einen gitterartigen Rahmen gezwängt, angekettet, es scheint zu stürzen.

«Ich wollte eine Extremsituation zeigen, einen Ausnahmezustand», sagt Kness. Das sei irgendwie auch seine Situation, ergänzt er dann. «Mit dieser Arbeit habe ich mich selber in einen Ausnahmezustand gebracht, ich war während Monaten mehr angebunden als das Ding da.» Aber es muss ein lustvolles Angebundensein gewesen sein. «Schmieden ist eine sehr schöne Arbeit», sagt Kness, der dafür das Zeichnen und Malen etwas in den Hintergrund gerückt – oder in die frühen Morgenstunden verschoben hat, wenn «das Gebot der Ruhe das Schmiedehandwerk nicht zuliess».

Die Möglichkeiten ausreizen

Zusammen mit anderen Künstlern wie Rolf Hauenstein oder Kuspi hat Kness schon in früheren Jahren mit Eisen gearbeitet, eigene Arbeiten sind ihm aber erst seit dem Bezug des jetzigen Ateliers möglich. Der gebürtige Weinfelder, der in Altstätten aufwuchs und nach Aufenthalten in Wien, Berlin und Basel seit 2001 wieder in der Ostschweiz lebt, reizt die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten aus. Neben den grandios präzisen Zeichnungen und eindringlichen Radierungen malt er grossformatige Ölbilder. Die farbintensiven Gemälde schlagen auch einen Bogen zum glühenden Eisen, aus dem er sein Pferd modellierte.

Am Samstag und Sonntag, 4./5. Oktober, lädt Simon Kness jeweils von 13–17 Uhr zum Besuch seines Ateliers an der Rietstrasse 61 in Lüchingen. www.simonkness.com