Zaubersee
Zwei Mal Rausch: Von der Ekstase und sinnlichem Geniessen

Am Zaubersee-Finale spielt sich der junge Pianist Alexander Malofejew um Kopf und Kragen, während das Ehepaar die Musik sprechen lässt.

Roman Kühne
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Gast bei Toporchestern: der Pianist Alexander Malofejew (20).

Gast bei Toporchestern: der Pianist Alexander Malofejew (20).

Bild: pd

Es ist eine Wundertüte ohne Ende. Seit 10 Jahren widmet sich das Zaubersee Festival unter der Intendanz von Numa Bischof der russischen Kammermusik, diesem offenbar nie versiegenden Fundus an Komponisten und Musikertalenten.

Das Samstagskonzert im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters zaubert wieder einmal eine solche Überraschung aus dem Hut.

Entdeckung wird zum Abenteuer

Es ist ein Abend der Entdeckung, die gar zum Abenteuer wird. Entdeckt wird der russische Komponist Nikolai Medtner (1880–1951). Heute selten gespielt, wurde er von Rachmaninow als «bedeutendster Komponist seiner Zeit» gepriesen. Am Samstag stehen Ausschnitte aus seinem 38-teiligen «Märchen»-Zyklus und die «Vergessene Weisen» auf dem Programm.

Dass diese Entdeckung zum Abenteuer wird, hat vor allem mit dem Pianisten Alexander Malofejew zu tun. Der 20-jährige Russe konzertierte bereits mit grossen Orchestern – unter anderem vor zwei Jahren mit dem Lucerne Festival Orchestra auf dessen Asien-Tournee unter Riccardo Chailly. Alexander Malofejew gehört aber auf dem schnellen Karussell der Nachwuchssolisten definitiv zu den Musikern, deren Auftritt man nicht so leicht vergisst.

Sturm und Hagel – ein grandioser Moment

Wenn er spielt, dann ist dies ein Rausch, eine hochkonzentrierte Blase aus Instrument und Musiker. Selbstbestimmt, kräftig und klar in der Aussage interpretiert er die Stücke, erzählt sie mit raschen Gegensätzen. Die Musik drängt, pulsiert und springt vorwärts. Ohne grössere – oder teils mit gar keiner – Pause werden die Sätze aneinandergesetzt.

Kein Innehalten gibt es zwischen den «Märchen» und den «Vergessenen Weisen». Eine Stunde lang brechen sich die Wellen, perlt Malofejew mit selbstverständlichster Virtuosität auch durch ruhigere Passagen, nur um die Gischt gleich wieder aufzuschäumen. Überragend in der Technik zeigt er auch unter grossem Pedaleinsatz ein hervorragendes Timing in Anschlag, Gewichtung und Ausgleich zwischen den Händen. Als der erste Teil beendet ist, wagt zuerst niemand zu applaudieren. Ein grandioser Moment.

Als überlegener Techniker mit einem grossen Willen zur Gestaltung zeigt sich der Pianist auch in zwei Klassikern, der «Dumka» aus den Russischen ländlichen Szenen von Tschaikowski und der ersten Klaviersonate von Sergej Rachmaninow. Deren erster Satz wird zum improvisiert scheinenden Fluss, weckt Assoziationen an Keith Jarrett. Bei der kaum mehr für möglich gehaltenen Steigerung in der Walpurgisnacht im letzten Satz überschreitet er teils die Grenze zu Härte und Unkenntlichkeit. Aber es ist bei seinem Interpretationsfuror nur folgerichtig, dass er dem Tosen des Teufels Struktur und Musik entzieht.

Ein Rausch der versunkenen Art

Zu diesen Brüchen und Kanten ist das Schlusskonzert am Sonntagabend– vom Schreibenden im Stream verfolgt – ein starker Gegensatz. Marie-Elisabeth Hecker am Cello und Martin Helmchen am Klavier sind nicht nur privat miteinander verheiratet, sondern musizieren auch hervorragend miteinander, rund und im Gleichgewicht.

In Mieczyslaw Weinbergs zweiter und vor allem in Sergej Rachmaninows Cellosonate lassen beide die Poesie sprechen. Die Cellistin spielt warm, sehr singend und mit langen Linien, Martin Helmchens variantenreiche Farbgebung verbindet sich auf Augenhöhe mit dem Soloin­strument. Natürlich gibt es auch heftigere Momente. Doch selbst im teils schroffen zweiten Satz bei Weinberg übertrumpft das geistige Schweben – in seinem besten Sinn – das Körperliche.

Herrlich klingen die letzten zwei Sätze von Rachmaninows Sonate. Ruhig, duftend und sinnlich ist das Lento. Das Allegro gerät nicht zum finalen Triumph, sondern bleibt stimmig in das grosse Gesamtgedicht eingebettet. Es ist ebenfalls eine Art Rausch, aber einer der versunkenen Art, den Marie-Elisabeth Hecker und Martin Helmchen hier kreieren.