Zauberhafte Kunst in Arbon: In der Kunsthalle verschwinden Besucher und Wasser wird zu Wein

Die 38-jährige Tessiner Künstlerin Valentina Pini zeigt in ihrer ersten grossen Einzelausstellung in der Deutschschweiz Verblüffendes und beweist, dass uns ein bisschen Magie im Alltag nur gut tun kann.

Christina Genova
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Was verbirgt sich wohl hinter dem Vorhang?

Was verbirgt sich wohl hinter dem Vorhang?

Bild: Ladina Bischof

Zwei schwere, blaue Samtvorhänge hängen in der Kunsthalle Arbon. Das macht neugierig, man will wissen, was sich dahinter verbirgt. Denn bis auf die von den Vorhängen umgebenen Bereiche ist die Halle auf den ersten Blick leer. Die gebürtige Tessinerin Valentina Pini hat als Titel für ihre erste grosse Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum ein englisches Sprichwort gewählt: «Curiosity killed the cat» – Neugier ist der Katze Tod. Ist dies als Warnung zu verstehen, doch besser keinen Blick hinter die Vorhänge zu werfen? Doch der Reiz ist zu gross: Man will erfahren, was sich hinter den sinnlichen Stoffbahnen verbirgt, die man mit den Verheissungen der Welt des Theaters und des Spektakels in Verbindung bringt.

Videoarbeit «Water into Wine» von Valentina Pini.

Videoarbeit «Water into Wine» von Valentina Pini.

Bild: Ladina Bischof

Hinter dem Vorhang nahe des Eingangs befindet sich eine Treppe, die in den Untergrund führt. Und schon ist man Teil von Valentina Pinis Inszenierung, denn für jene Besucher, die oben in der Halle zurückbleiben, verschwindet man von der Bildfläche wie bei einem Zaubertrick. Doch wie die 38-jährige Künstlerin richtig sagt: «Wenn etwas verschwindet, muss es auch wieder auftauchen.» Und tatsächlich verbirgt der zweite Vorhang eine weitere Treppe, wo die scheinbar wie vom Erdboden Verschluckten nach einiger Zeit wieder heraufsteigen.

Illusion und Magie im Untergrund

Künstlerin Valentina Pini.

Künstlerin Valentina Pini.

Bild: PD

Doch zuvor geht es weiter mit Magie und Illusion. Pini versteht es, die Spannung aufrechtzuerhalten: Sphärische Klänge, eigens komponiert von Micha Seidenberg, und auch das spärliche Licht im Soussol der Halle, versetzen den Besucher in gespannte Erwartung. Nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, entdeckt man eine Leinwand, wo die erste von zwei neuen, speziell für Arbon produzierten Videoarbeiten zu sehen ist.

Zauberexperiment «Water into Wine» aus dem Buch «Columbus Egg».

Zauberexperiment «Water into Wine» aus dem Buch «Columbus Egg».

Bild: PD

Auf glänzendem Satinstoff hat Pini Türme aus jeweils drei eleganten Weingläsern platziert, die Inszenierung erinnert an eine Zaubershow. Das zweite Glas steht kopfüber auf dem ersten, so dass dazwischen eine farblose Flüssigkeit eingeschlossen bleibt. Das oberste Glas enthält eine farbige Lösung. Doch diese scheinbaren Stillleben sind keine statischen Skulpturen, sondern einer Dynamik unterworfen.

Buchcover «Columbus Egg».

Buchcover «Columbus Egg».

Bild: PD

Erst mit der Zeit begreift man, dass sich die zwischen den zwei Gläsern eingeschlossene Flüssigkeit nach und nach verfärbt. Denn aus dem obersten Glas hängen Fäden, über welche dank des Kapillareffekts langsam Flüssigkeit heraustropft und in die beiden unteren Gläser gelangt. Valentina Pini hat diesen einfachen Zaubertrick im Buch «Columbus Egg» entdeckt, das verschiedene verblüffende Experimente vereint. Der Titel «Water into Wine» verweist ausserdem auf eines der berühmtesten der zahlreichen in der Bibel beschriebenen Wunder.

Auch mit «Mingling», der zweiten Videoarbeit, bringt Valentina Pini die Betrachter mit einfachsten Mitteln zum Staunen. In einer seltsamen Unterwasserlandschaft steigen Luftblasen auf, nach und nach werden es weniger. Sind es Tiere oder Pflanzen, welche diese Luft absondern? Und wo ist diese surreale Landschaft zu verorten? Man glaubt darin Vertrautes zu erkennen, und tatsächlich hat die Künstlerin für die Ausstattung der Unterwasserwelt Gipsabgüsse von Gemüse – eine asiatische Gurke, Grapefruits oder eine verschrumpelte Aubergine – verwendet. Die ganze Zauberei, die dahintersteckt, sind die Lufteinschlüsse im Gips, die, sobald man das Gemüse ins Wasser legt, aufsteigen. Wieder steckt hinter dem Zauber einfachste Physik – Wasser ist schwerer als Luft. Pini sagt:

«Ich mache sehr analoge Kunst.»
Eine surreale Landschaft wird in der Videoarbeit «Mingling» zum Leben erweckt.

Eine surreale Landschaft wird in der Videoarbeit «Mingling» zum Leben erweckt.

Bild: Ladina Bischof

Die Ausstellung wird abgerundet durch mehrere Fotogramme. Diese werden erzeugt, indem man mehr oder weniger transparente Objekte zwischen Fotopapier bringt und dann belichtet. Auf den Fotogrammen sind scheinbar Quallen oder Schlangenhäute dargestellt. Doch in Tat und Wahrheit sind es Netze von Südfrüchten und geschmolzene Plastikhauben, welche im Garten den Salat vor Schnecken schützen. Valentina Pini verwendet für ihre Kunst bewusst vertraute Materialien und Gegenstände: «Ich will die Wahrnehmung auf Alltägliches verändern.»

Mit ihrer Kunst zeigt Pini die Faszination des scheinbar Unerklärlichen auf, der sich auch rationale Menschen nicht entziehen können. «Wir wissen, dass Zauberei nicht echt ist. Man muss sich aber in den Zustand versetzen, dass man es glaubt», sagt die Künstlerin. Sie sieht ihre Ausstellung als Plädoyer für etwas Irrationalität in einer rationalen Welt: «Zuviel Wissen ist manchmal schade. Ich will nicht die totale Gewissheit.» Denn ist Geheimnis einmal gelüftet, verliert es auch seinen Reiz.

Bis 20. September 2020; öffentliche Führung 5. September, 16 Uhr; Finissage und Saisonabschluss mit Valentina Pini 20. September, 16 Uhr.

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