Yusuf Yesilöz sagt, viele seiner Kollegen in der Türkei seien verstummt

Der Besuch der Thomas-Mann-Ausstellung mit dem kurdischen Schriftsteller Yusuf Yesilöz zeigt die schwierige Lage heutiger Exilautoren.

Hansruedi Kugler
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Yusuf Yesilöz, Sie kamen 1987 als politischer Flüchtling in die Schweiz.

Ja, ich wurde nicht wie Thomas Mann vom Bundespräsidenten empfangen, sondern nur von einem Asylbefrager. Heute sage ich das mit Humor.

Was war der Grund für ihre Flucht aus der Türkei?

Ich war 23 Jahre alt. Die Situation der Kurden in der Türkei war der Grund. Das Kurdische war verboten. Wer damit zu tun hatte, suchte das Weite, um Repression zu umgehen.

Thomas Mann wurde in den USA bejubelt und seine Bücher übersetzt. Wie schwierig war es für Sie, in der Schweiz eine Existenz aufzubauen?

Es ist für alle schwierig. Besonders für Neuankömmlinge. Man findet sich irgendwie zurecht. In der Türkei war ich noch nicht Schriftsteller. Ich habe in der Schweiz bald geheiratet, führte einige Jahre eine Buchhandlung in St. Gallen und konnte ab 1998 Romane publizieren, die ich in deutscher Sprache schrieb und drehe seit Jahren Dokumentarfilme. Am Anfang ist jeder im Exil entwurzelt, hat Ängste, seine Identität zu verlieren. Er fühlt sich aber auch verpflichtet, gegen das Unrecht in der Heimat einzustehen.

Elf Jahre bis zum ersten Buch sind eine lange Zeit.

Schauen Sie, ich werde oft von kurdischen Exilautoren nach Übersetzungsmöglichkeiten gefragt. Leider ist diese Chance sehr klein. Die Hürden für sie sind hoch. Auch heute erfolgreiche Autoren wie Buchpreisgewinner Saša Stanišić oder Rafik Schami brauchten zehn Jahre.

Thomas Mann versuchte mit Radioansprachen vom Exil aus Einfluss auf die Entwicklung in seinem Heimatland zu nehmen. Was können Sie tun?

In türkischen Medien kann ich nicht publizieren. In kurdischen Medien und Online-Medien erscheinen Texte von mir und in Schweizer Zeitung kommentiere ich die Lage der Kurden. Ich bin aber nicht der Typ, der an Demonstrationen geht. Ich fühle mich in der grossen Masse unwohl. Bei der Literatur ist die Zensur weniger strikt, einzelne meiner Romane sind in der Türkei erhältlich.

Sie waren auch im Schriftstellerverband PEN aktiv.

Wir machen uns für freie Meinungsäusserung stark, veranstalten Lesereisen unter anderem mit Exilautoren.

Wo sehen Sie Parallelen zu Thomas Manns Exil?

Er sagt, wo er sei, sei Deutschland, er trage die deutsche Kultur in sich. Das hat mich sehr berührt, denn es trifft auf mich genauso zu. Solange man über die Heimat schreibt, lebt diese weiter, kann nicht vernichtet werden. Es ist ein Trost, wenn man diese Geschichten teilen und sich mitteilen kann: Als ein Akt der Solidarität. Und die Themen Krieg und Zensur sind gerade heute wieder sehr aktuell.

Sie kritisieren Recep Erdogan.

Viele meiner Kollegen in der Türkei sind verstummt. Neunzig Prozent der türkischen Medien feiern den Einmarsch in Nordsyrien. Man darf nicht mal mehr fragen, was der Sinn davon ist. Sofort wird man als Terrorist abgestempelt. Wer in den sozialen Medien gegen den Krieg schreibt, wird verhaftet. Mir macht Angst, wenn sich Massen hinter eine solche Politik stellen.

Buchtipp: Yusuf Yesilöz, Die Wunschplatane, Roman, Limmat, 200 S.