Im Thurgauer Kunstmuseum gibt es neu einen Club exklusiv für Frauen

Es ist das erste Vermittlungsformat eines Ostschweizer Kunstmuseums, das sich ausschliesslich an Frauen richtet. Ein Besuch beim Startanlass.

Christina Genova
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Kunsttherapeutin Leah Carr (im Blümchenkleid) und Kunstvermittlerin Rebekka Ray (ganz rechts) im Frauen-Kunst-Club. (Bild: Donato Caspari)

Kunsttherapeutin Leah Carr (im Blümchenkleid) und Kunstvermittlerin Rebekka Ray (ganz rechts) im Frauen-Kunst-Club. (Bild: Donato Caspari)

Einen Frauen-Kunst-Club? Braucht es das? Das neue Vermittlungsangebot des Kunstmuseums Thurgau in Warth weckt Skepsis. Wer will sich an einem Donnerstagnachmittag schon zwei Stunden lang zum Thema «Weiblich, wild, wunderbar: Ein unkonventionelles Frauenleben» austauschen? Erstaunlich viele Frauen aber sind der Einladung gefolgt, das Angebot entspricht offensichtlich einem Bedürfnis: «Wir hätten den Club heute dreimal durchführen können», sagt Kunstvermittlerin Rebekka Ray, die das neue Format in der Ausstellung Helen Dahms (1878–1968) initiiert hat. Nicht nur der Startanlass, sondern alle vier Workshops sind ausgebucht. «Wir wollten damit bewusst Frauen ansprechen, die nicht mehr im Arbeitsalltag sind», sagt Ray.

Kunst interessiert mehrheitlich Frauen

16 Frauen im besten Alter sitzen erwartungsvoll im Kreis. Zu Gast ist auch die Kunsttherapeutin Leah Carr. «Heute Nachmittag gibt es nur eine Spielregel: mitdenken und mitreden», sagt Rebekka Ray zur Begrüssung. Dazu muss man die Frauen nicht zweimal auffordern. Schnell schweift das Gespräch ab und es geht nicht mehr um Helen Dahm, sondern um Grundsätzliches: «Was hat Kunst mit Können zu tun?», fragt Susanne. Elisabeth meint: «Auch Kunst von Autodidakten kann sehr viel Ausdruck haben.» Und Ursina sagt: «Kunst ist, wenn der Künstler definiert, dass es Kunst ist.» Bei Helen Dahm habe man Psyche, Leben, Persönlichkeit und Kunst immer vermischt, erzählt Rebekka Ray. Überhaupt würden insbesondere weibliche Kunstschaffende seit Jahrhunderten psychologisiert nach der Devise, nur ein leidender Künstler ist ein richtiger Künstler. Barbara sagt: «Jeder von uns leidet, nicht nur die Künstler.»

Frauen bleiben bei der Kunstbetrachtung unter sich im Thurgauer Kunstmuseum. (Bild: Donato Caspari)

Frauen bleiben bei der Kunstbetrachtung unter sich im Thurgauer Kunstmuseum. (Bild: Donato Caspari)

Der Frauen-Kunst-Club ist zwar das erste Vermittlungsformat eines Ostschweizer Kunstmuseums, das sich explizit an Frauen richtet. Diese stellen jedoch generell die Mehrheit bei Veranstaltungen in Kunstmuseen, wie eine kleine Umfrage ergibt. Regelmässige Angebote für Erwachsene, die auf den Dialog setzen und die Möglichkeit bieten, selbst kreativ zu sein, gibt es auch in anderen Museen, sie sind aber dünn gesät. Solche Formate sind zumeist Kindern vorbehalten.

Künstlerinnen laden zum Zeichnen ein

Im Kunstmuseum St. Gallen lädt die Künstlerin Lika Nüssli monatlich in ihr Zeichnungsstudio ein. Beate Frommelt, ebenfalls Künstlerin, empfängt Demenzkranke und Senioren einmal im Monat im Kunstmuseum Liechtenstein zur gemeinsamen Bildbetrachtung und anschliessendem Werken im Atelier. Die Spontaneität der Demenzkranken sporne die anderen Senioren an, einfach drauflos zu reden und zu malen, erzählt Frommelt. Den dementen Menschen hingegen helfe die Konzentration auf ein Kunstwerk, neue Gesprächsthemen zu finden und Erinnerungen wachzurufen.

Im Thurgauer Kunstmuseum fordert Leah Carr nach rund 50 Minuten Austausch die Frauen auf, sich auf ein Gemälde Helen Dahms zu konzentrieren. «Endlich schauen wir Bilder an», sagt eine der Frauen. Ursina meint: «Das Bild hat etwas Paradiesisches.» Eine Frau ergänzt: «Die Rosen bedeuten für mich, dass es immer einen Lichtblick gibt.»

Schreiben, als ob es schneit

Nach der Bildbetrachtung folgt die nächste Aufgabe. Die Frauen setzen sich mit Wachsstiften und Papier vor ein Bild ihrer Wahl. Zuerst gilt es, das Gemälde auf sich wirken zu lassen, dann soll man zehn Minuten lang «schreiben, als ob es schneit» – festhalten, was einem gerade einfällt. Zum Abschluss darf man etwas auf dem Blatt gestalten: «Das muss niemand sehen», beruhigt Leah Carr.

In der Schlussrunde erzählen die Frauen, wie es ihnen ergangen ist. Susanne hat auf einem der Bilder Ingeborg Bachmann erkannt und mit ihr gesprochen. Rita fand es schwierig, ohne Schere im Kopf zu schreiben. Für Barbara war das Schreiben kein Problem, aber das Malen. Rebekka Ray sagt abschliessend: Nehmt euch die Freiheit, zeichnend und schreibend die Bilder zu lesen, wie ihr wollt.»

Der Frauen-Kunst-Club wird im Herbst weitergeführt und findet auch 2020 statt.