Wunderbar sinnloses Getue

YouTube-Videos schauen, Testberichte lesen, alte Zeitungen stapeln, Kochbücher lesen und niemals daraus kochen: Nichts ist so entspannend wie scheinbar sinnlose Zeitverschwendung. Gerade in unserer durchoptimierten Welt.

Katja Fischer De Santi
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Richtig Doofes kann manchmal richtig entspannend sein.

Richtig Doofes kann manchmal richtig entspannend sein.

Schon wieder eine Liebesschnulze geschaut, statt den tiefgründigen Roman fertig gelesen? Schon wieder auf YouTube die schlimmsten Hochzeitsvideos geschaut, statt die Steuererklärung ausgefüllt? Es soll gar Menschen geben, die gehen nur darum regelmässig zum Coiffeur, um dort ungestört Klatschheftli zu ­lesen.

«Guilty Pleasures» nennt man Neudeutsch diese scheinbar sinnlosen bis peinlichen Nebentätigkeiten, für die man sich eigentlich zu clever findet, denen man aber doch mit grösstem ­Genuss nachgeht, wenn keiner zuschaut. Die gesammelten Geschichten der kleinen Heimlichkeiten auf dieser Seite beweisen: Es ist unglaublich befriedigend, mal etwas Sinnloses zu machen – etwas, das keinen Zweck hat, nicht bewertet wird und bestens dafür geeignet ist, den Gedanken ihren Lauf zu lassen. Im Grunde ist das ein kleiner Akt des Widerstandes, aber bequem in Finken auf dem Sofa.

Die Poesie der Testberichte

Bei mir sind es Testberichte. Sobald ich auch nur das geringste Bedürfnis verspüre, mir ein neues Produkt zu kaufen, verliere ich mich sofort in der detailversessenen Welt der Testberichte. Ich will wissen, welche Pfanne das Gemüse am aller, allerbesten gart, welcher Föhn meine Haare am schnellsten trocknet und welcher Mixer die besten Smoothies rührt. Ich liebe diese Stunden im Optimierungskonjunktiv, denn dafür muss ich nicht wirklich Gemüse garen oder Smoothies trinken. Nicht, dass ich nach dem Lesen von 110 Kommentaren zum Gummiboot «Family-Time 300» wüsste, ob dies nun taugt. Eher ist die Verwirrung danach komplett, aber ich habe Respekt vor diesen Menschen, die ungefragt und unbezahlt ihre Bewertungen abgeben. Ich weiss danach, dass «Tester45» schon bei der ersten Flussfahrt ein Paddel verloren hat, dass «NancyPe» die Anleitung dazu «eine Frechheit fand» und «Peter» mit seiner Freundin jedes Wochenende auf dem Boot ist. Es sind intime Einblicke in die zarten Konsumentenseele fremder Menschen. Facebook brauche ich nicht, ich habe Amazone für meine Kontemplation. Bestellen tue ich übrigens so gut wie nie etwas. Wenn ich dann wirklich ein Gummiboot brauche, gehe ich in den Laden. Und fachsimple mit dem Verkäufer ausgiebig über das «Family-Time 300».

Katja Fischer

Handygames: Klick, Klick, Klick

Immer, wenn ich etwas Zeit habe, spiele ich im Internet Cookie Clicker. Im Prinzip ist das nix anderes als ein grosses Guetzli, auf das man klicken muss. Klick. Im Gegenzug erhält man einen Cookie. Klick. Mit diesen Cookies kann man sich dann Dinge kaufen. Klick. Cursors zum Beispiel. Oder Grossmütter. Klick. Diese Dinge stellen dann auch Cookies her. Allerdings anfänglich nur sehr langsam. Klick. So kann es passieren, dass man durchaus mal eine Stunde warten muss, bis man sich etwas Neues leisten kann. Klick. So kann man das Spiel bestens einfach eine Weile im Hintergrund laufen lassen. Ein paar Stunden oder ein paar Tage. Klick. Idle-Games nennt man diese Art Spiele. Idle kann man mit «Leerlauf» oder «Nutzlos» übersetzen. Klick. Für mich ist das pure Erholung. Nervige Sitzung, nerviges Telefon, nervige Schreibblockade – einfach schnell ein paar Klicks. Man kann dazu essen, trinken, reden, nichtstun. Klick. Gerade in einer Welt, in der alles einen Sinn haben muss, ist dieses Geklicke fast schon Meditation. Klick. Mit fortgeschrittener Spieldauer wird das Game dann schon komplexer. Klick. Aber richtig schön ist es vor allem am Anfang. Klick.

Michael Graber

Staubfänger und das schlechte Gewissen lagern

Bibliothek Im Grunde würde ich nichts lieber tun, als den ganzen Tag zwischen zwei Buchdeckeln zu versinken. Darum bin ich Stammgast in der Bibliothek. Schlendere durch die Regale, streichle Buchrücken und fische nach Klassikern, die ich schon immer lesen wollte. Auch die Auslage mit den über 50 Hochglanzzeitschriften übt einen verführerischen Sog aus, wie die Vitrine einer Patisserie. «8 Mentaltricks, die dein Leben ändern», «Heul doch», «Glücklich geschieden», «Entschlüsseln Sie Ihren Energie-Code» – so oder ähnlich buhlen die Schlagzeilen um Aufmerksamkeit. Sie suggerieren, dass man sein unspektakuläres Dasein nach der Lektüre in ein Superleben verwandeln könnte, was natürlich Unfug ist.
Am Ende ist der freie Nachmittag sinnentleert verstrichen, und mir ist schwindlig vor Buchstaben und angelesenen Geschichtenfetzen. Ein paar schrullige Gestalten, die ebenso oft in der Bibliothek herum hocken, werfen mir wissende Blicke zu. Danach schleppe ich Taschen voller Bücher, Heftchen und DVDs nach Hause. Die dann auf dem Sofa verstauben. Weil ich sie nie lese.

Melissa Müller

Zeitungsannoncen: Jung, ledig, sucht gar nicht


Auf der Suche bin ich längst nicht mehr. Journalistin, 24, 156 cm, hat ihren Traumprinzen gefunden. Und doch lese ich sie: die Kontaktanzeigen in meiner Wochenzeitung. Da gibt es in der sexualisierten Welt des Tinder-Datings noch Menschen, die an die grosse Liebe via Chiffre glauben. Wer nun aber denkt, dass im Gedruckten nicht genauso hochgestapelt wird, liegt falsch. Julia, 31, ist nicht nur «unheimlich lieb», sie hat auch «seidige Haare» und «ganz sanfte Augen». Sie sucht einen Akademiker, bis Mitte 50. Machbar. Da haben andere konkretere Ansprüche. Die charmante Lehrerin, 49, sucht ihn, der noch heiraten und sich mit ihr den Traum eines Hauses (am See oder am Meer) erfüllen möchte. Zugegeben, ein kniffliger Fall. Aber nicht zu knifflig für mich. Ich fahre mit dem Zeigfinger über die «Er-sucht-Sie»-Spalte. Ha! Frank, 46, Chefarzt, «bestsituiert», «ohne Altlasten» – und dazu noch gut aussehend –, sucht jemanden für eine gemeinsame Zukunft.
Ich stelle mir vor, wie auch Frank die Anzeigen überfliegt, wie sein Blick bei der Lehrerin stoppt. Er schreibt ihr, mit Tinte auf Papier. Ein paar Tage später treffen sich zwei Unbekannte, einzig wegen dieser Zeilen. Und vielleicht verlieben sie sich, heiraten, spazieren vor ihrem Haus am See entlang. Wer sagt denn, dass es nicht so einfach sein kann? Ich wünsche es Frank und seiner charmanten Lehrerin. Und allen, die nicht das Glück haben, dass ihnen ein Informatiker, 26, 182 cm, wundervoll, einfach so über den Weg gelaufen ist.

Linda Müntener

Kochbücher anschauen, aber nie daraus kochen

In meiner Küche isst man sich um die Welt – könnte man meinen. Mexikanisch, orientalisch, vietnamesisch, französisch, amerikanisch oder als Hommage ans Nani bündnerisch: An Kochbüchern mangelt es mir nicht. Gekonnt illustriert sind sie, mit kreativen Rezepten darin und – das hat der jüngste Umzug gezeigt – schwer sind sie auch. Natürlich darf auch der zerfledderte «Tiptopf» nicht fehlen. Den hab ich zwar vor 20 Jahren zuletzt aufgeschlagen, das ist aber egal.
Kochbücher zu kaufen ist schön. Sich beim Durchblättern inspirieren zu lassen auch. Wie wäre es mit vietnamesischen Sommerrollen? Oder einer originalen mexikanischen Salsa? Französischer Pastete oder Bündner Nusstorte? Klingt alles super. Doch mit einem dieser Bücher kochen? Vergiss es.
Bevor Gäste zum Znacht kommen, blättere ich zwar regelmässig in meinen Dutzenden Kochbüchern. Gekocht habe ich daraus kaum je etwas. Zumindest nicht exakt. Meist fehlen sowieso eine oder zwei Zutaten – weil Einkaufen mit Zettel ist auch nicht so mein Ding. Viel lieber koche ich nach Gefühl. Das ist auch der Grund, warum ich nicht backe: Dort funktioniert Handgelenk mal Pi nämlich nicht.

Christoph Krapf

Zeitungen staplen wie Sisyphus

Auf unserem Stubenboden liegt seit eh und je ein Stapel mit herausgerissenen Seiten aus Tages- und Wochenzeitungen, mit Magazinen und allerlei anderen wertvollen Drucksachen bis hin zu Prospekten, die alle noch gelesen werden sollen. Wie könnte es für einen Journalisten auch anders sein! Der Alltag lässt mir einfach zu wenig Zeit, um immer all das zu lesen, was ich als absolut unabdingbar erachte. Vielleicht hat man ja am Wochenende mal zwei, drei Stunden Musse, um das eine oder andere nachzulesen. Daraus wird aber oft nichts, und am Sonntag liegen schon wieder zwei dicke aktuelle Zeitungen auf dem Zmorgetisch. Daraus muss ich natürlich wieder ein paar Seiten beiseitelegen. Und so wächst der Stapel unaufhörlich – so lange, bis er zu hoch ist und auseinanderfällt.
Spätestens dann ist der Moment gekommen, dem Stapel wieder einmal zu Leibe zu rücken. Viele Texte sind definitiv nicht mehr aktuell, bei anderen wundere ich mich, warum ich sie überhaupt beiseite gelegt habe. Also weg damit – ungelesen! Anderes betrachte ich immer noch als höchst lesenswert und behalte es. Das lässt sich ja auch in den kommenden Ferien noch lesen. Vielleicht. Diese Seiten bilden die Grundlage des ewig existierenden Stapels, der jetzt gerade nur etwas weniger hoch ist. Aber er wird in den kommenden Tagen und Wochen wieder wachsen, bis er wieder auseinanderfällt und schweren Herzens erneut ausgemistet werden muss. Um dann wieder zu wachsen...
Höchste Zeit, wieder einmal die Geschichte von Sisyphus zu lesen. Wenigstens die!

Urs Bader