Würdigung
Späte Ehre für Berta Rahm: Wie junge Architektinnen eine Berufskollegin und Pionierin wiederentdecken

Die gebürtige St.Gallerin Berta Rahm (1910–1998) gehört zu den ersten Architektinnen, die an der ETH Zürich studierten. Doch grosse Bauaufträge erhielt sie keine und schliesslich gab sie ihren Beruf auf. Vor einem Jahr konnte ein von Rahm gestalteter Pavillon vor dem Abriss gerettet werden. Möbel, die darin einst standen, gehen nun auf Schweizer Tournee. Start ist in St.Gallen.

Christina Genova
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Berta Rahm war Architektin und Feministin.

Berta Rahm war Architektin und Feministin.

Bild: Gosteli-Archiv

Eigentlich sollte die Ostschweizer Architektin Berta Rahm die Projektleitung der Saffa 1958 übernehmen, der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit. Doch als lediger Frau traute man ihr diese Aufgabe nicht zu. Eine mit einem Architekten verheiratete Kollegin erhält den Zuschlag: «(...) weil sie einen Mann hat, der sie ersetzt, falls sie zusammenklappt», beschied man Berta Rahm. Das erzählte sie 1993 der «Weltwoche».

An der Saffa durfte Rahm, die als eine der ersten Frauen an der ETH Zürich studiert hatte, schliesslich den Anbau zu einem Pavillon realisieren. Dort waren ein Leseraum und ein Ruheraum untergebracht. Die Saffa, die ein grosser Publikumserfolg war, wollte im Vorfeld zur ersten Abstimmung über das Frauenstimmrecht von 1959 die Arbeit von Frauen sichtbar ­machen und würdigen.

Verschollen, wiederentdeckt, vor dem Abriss gerettet

Die St.Galler Architektin Myriam Uzor.

Die St.Galler Architektin Myriam Uzor.

Bild: PD

Rahms Pavillonanbau galt als verschollen, nun ist er vor einem Jahr im Zürcher Oberland aufgetaucht: «Es ist eine verrückte Geschichte», erzählt die junge St.Galler Architektin Myriam Uzor, die zusätzlich zu ihrem architektonischen Schaffen an der ETH Zürich forscht und lehrt. Die 29-Jährige gehört zum Verein ProSaffa1958-Pavillon, der den Rahm-Pavillon gerettet hat. Denn kaum war er wieder aufgetaucht, drohte ihm schon die Zerstörung. Jahrzehntelang hatte der Pavillon einer Pilzfabrik als Kantine gedient, später als Lagerraum. Doch dieser wurde nun nicht mehr benötigt. Uzor, die beim Abbau dabei war, sagt:

«Wir mussten schnell handeln, die Abrissgenehmigung lag schon vor.»

Der Pavillon ist nun in seine Einzelbestandteile zerlegt eingelagert. Teile der Aluminiumfassade sind zur Zeit in Zürich in der gta-Ausstellung «The Power of Mushrooms» ausgestellt. Der Verein hat das Ziel, den Pavillon in Zürich wieder aufzubauen.

Im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau und anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums des Frauenstimmrechts hat nun Myriam Uzor zusammen mit drei Kolleginnen das Nebenprojekt Annexe lanciert, das von Alliance F und der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt wird. Die Inneneinrichtung des Rahm-Pavillons ist nicht mehr erhalten, aber es gibt Fotos und Pläne davon.

Die Tische des Möbelsystems von Annexe werden in der Kunstgiesserei St.Gallen produziert.

Die Tische des Möbelsystems von Annexe werden in der Kunstgiesserei St.Gallen produziert.

Bild: Kunstgiesserei St.Gallen

Deshalb liessen die vier Architektinnen vier der Möbelstücke, die einst im Pavillon standen, von der Kunstgiesserei St.Gallen aus witterungsbeständigem Aluminium reproduzieren: einen Tisch mit Regal, eine Einbauküche und zwei lange Tische. Die Möbel sind modular und vielfältig einsetzbar: Die Küchenzeile kann auch als Bar genutzt werden und der Regaltisch als Bibliothek oder Kiosk.

Lediglich Küchen und Bäder umbauen

Die Möbel werden am Donnerstag, 12. August, um 16 Uhr beim Frauenpavillon im Stadtpark St.Gallen zum ersten Mal vorgestellt. Der Anlass wird von Musik und Essen begleitet. Danach gehen die Möbel auf Schweizer Tournee und werden in Zürich, Genf und Lausanne aufgestellt, immer verbunden mit einem kulturellen Rahmenprogramm. Ziel von Annexe ist es, ein junges Publikum für die Gleichstellung der Geschlechter zu sensibilisieren. Ausserdem wird mit Berta Rahm eine Frau gewürdigt, die zu den ersten Schweizer Architektinnen gehörte.

Rahm, die 1998 mit 88 Jahren gestorben ist, hätte sich darüber gefreut. Denn die gebürtige St.Gallerin musste erfahren, dass es für sie als Frau nicht möglich war, an grössere Aufträge zu kommen: «Vielfach liess man uns lediglich Küchen und Bäder ein- oder umbauen», sagte sie zur «Weltwoche». 1966 gab sie auf und verlagerte ihr Engagement: Sie gründete einen Verlag für feministische Literatur.

Donnerstag, 12. August, ab 16 Uhr, Frauenpavillon Stadtpark St.Gallen. Ab 18 Uhr Menu von Maimouna de la Guinée, Musik von Sellyourmania.

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