Wühlen in der eigenen Biographie

Hunderte Kolumnen hat Peter Bichsel geschrieben – wunderbare Miniaturen. Etwa jene über seinen Freund Stefan, der als erster einen Farbfernseher hatte. Aber Fussball am Fernsehen zu schauen, enttäuschte Bichsel. Er sehnte sich nach der Radiostimme zurück, die ihm einen Match erzählt.

Hansruedi Kugler
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Focus - Lesen - Bichsel (Bild: Hansruedi Kugler)

Focus - Lesen - Bichsel (Bild: Hansruedi Kugler)

Hunderte Kolumnen hat Peter Bichsel geschrieben – wunderbare Miniaturen. Etwa jene über seinen Freund Stefan, der als erster einen Farbfernseher hatte. Aber Fussball am Fernsehen zu schauen, enttäuschte Bichsel. Er sehnte sich nach der Radiostimme zurück, die ihm einen Match erzählt. Weil Aktualität die Wahrnehmung vergifte, solle man sich einen Fussballmatch am besten am Tag danach erzählen. Da ist vieles drin, was Bichsels Kolumnen ausmachen: Die Alltagsbeobachtung wird mit präziser Selbstbeobachtung verbunden und in kritische Zeitdiagnose vergrössert; meist melancholisch, oft zornig. Über allem steht die Wichtigkeit des Erzählens. Bichsel denkt über das Handwerk der Politik nach; über die Freude am Sportler-Sieg; über die Bildung, die zum Moloch werde. Am Ende erschrickt man: Nachdem er jahrelang für die Kolumnen in seiner Biographie gewühlt habe, schreibe er seine letzte Kolumne – um mit Selbstironie anzufügen, in vier Wochen schreibe er noch eine. Sie wird zum Vermächtnis des grossen Geschichtenerzählers.

Peter Bichsel: Über das Wetter reden. Kolumnen 2012–2015. Suhrkamp 2015, 153 S., Fr. 13.90