Wohlkalkulierter Reigen im Hotel

An Wendepunkten ihres Lebens sind die Figuren, die Tim Krohn in seinem neuen Prosaband «Nachts in Vals» für ein paar Tage Wellnessferien machen lässt. Entstanden ist das Buch ebendort, geeignet als literarisches Therme-Souvenir.

Bettina Kugler
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Wie hell die Sterne am tiefschwarzen Nachthimmel funkeln, golden, weiss und grün, stahlgrau, blau oder rötlich – in Zürich, Ennetbaden oder Bern wird man es selten sehen können. Zu gross die Lichtverschmutzung, zu aufdringlich das Grundrauschen der Zivilisation, und überhaupt: Wer denkt spätabends auf dem Heimweg oder vor dem Schlafengehen noch an die Milchstrasse? Anders die Menschen, denen Tim Krohn im neuen Prosaband «Nachts in Vals» auf den Hotelbalkon folgt oder in einsame Gegenden, ins Dorf oder zum dampfenden Aussenbecken der Felsentherme.

Sie werden überwältigt von der funkelnden Flut, in der kalten, dünnen Bergluft herausgerissen aus Routinen, zu klaren Entscheidungen fähig. Jlien etwa, die junge Schauspielerin, entschlossen, das Kind abzutreiben, das sie erwartet. Beim einsamen Nachtspaziergang lauert sie auf ein Zeichen; es dauert nicht lange, bis ihr die Sternenwiese aus «Peterchens Mondfahrt» in den Sinn kommt. «Und ebenda sah Jlien in einer abgelegenen Himmelsecke, in der kaum Sterne standen, einen ganz scheuen, der zwinkerte und flackerte und derart winzig war, dass er immer wieder verschwand.» Keine Frage, am Morgen danach bestellt Jlien Latte macchiato koffeinfrei.

Demographischer Querschnitt

Marlette, bald vier Jahre alt, verliebt sich auf den ersten Blick in die fremde, aufregende Welt des Hotels; als sie nachts zur Toilette muss und ihre schlafende Mutter nicht wecken will, verirrt sie sich heillos und entgeht knapp dem Tod. Vom ungeborenen Kind bis zum greisen Bestsellerautor, der Vals im Sarg verlassen wird, reicht der Reigen; dazwischen begegnet man frisch Verliebten, Paaren, die nicht zueinander passen und Einsamen beiderlei Geschlechts, armen Schluckern, verkannten Künstlern und Karrieristen. Ein guter demographischer Querschnitt, wohlkalkuliert.

Krohn gelingt es, präzis die Wahrnehmung und Denkweise seiner Figuren zu treffen, in beiläufigen Nebensätzen oder Vergleichen einen Blick in ihr biographisches Handgepäck zu werfen – das kann erheiternd sein oder zutiefst melancholisch stimmen. Doch auf dem weichen Teppich der Hotelflure, im Schwitzbad in der Lobby fehlt Krohn die Distanz zum Ort. Zuweilen wirken die Menschen hier wie Statisten und verhalten sich entsprechend erwartbar.

Beiläufig aufdringlich

Schon der Klappentext balanciert auf dem schmalen Grat zwischen poetischer Schwärmerei und Reisebüroprosa. Als müsse er die Hauptfiguren der neun Erzählungen erst davon überzeugen, dass ein Kurzaufenthalt in den Bergen ihrem Leben eine neue Richtung weist – oder die bestmögliche Endstation ist –, behauptet er, ganz im Ton des allwissenden Autors und der Touristik-Prospekte: «Der Aufenthalt im Ort mit dem vielleicht schönsten Sternenhimmel der Schweiz ist für sie alle das Richtige.» Zumal «im berühmtesten Hotel» dieses Ortes, dem damaligen Hotel Therme, in welchem Krohn die neun Erzählungen geschrieben hat. Gewidmet ist das Buch Annalisa Zumthor. Man könnte es an der Hotelreception verkaufen, als literarisches Souvenir. Allzu aufdringlich klingt immer wieder in beiläufig erwähnten Details an, wie edel, geschmackvoll und diskret hier residiert, gebadet, diniert und serviert wird. Fünfzehn Gault-Millau-Punkte! Bleibt zu hoffen, dass die Leserin nicht eine von jenen ist, die mit (zu grosser) Windjacke («von erster Qualität») und Wanderschuhen zum Dinner erscheinen würden.

Tim Krohn: Nachts in Vals, Galiani Berlin 2015, 152 S., Fr. 21.90