Wohlfühlen oder die Welt retten

Die Menschen werden zugemüllt mit schlechten Nachrichten und schiessen ihren eigenen Abfall ins All, aber einige wehren sich dagegen. Davon erzählt «Sektor 1», das neue Spektakel von Karl's kühner Gassenschau. Ein Baustellenbesuch.

Dieter Langhart
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Die Macher des 22. Spektakels von Karls kühner Gassenschau: Ernesto Graf, Miriam Frei, Markus Heller, Brigitt Maag, Paul Weilenmann. (Bild: Dieter Langhart)

Die Macher des 22. Spektakels von Karls kühner Gassenschau: Ernesto Graf, Miriam Frei, Markus Heller, Brigitt Maag, Paul Weilenmann. (Bild: Dieter Langhart)

400 Tonnen Stahl, 2,5 km Kabel und 5,5 km Wasserleitungen auf 48 000 m2 Industriebrache zu verbauen und zu verlegen – das schafft nur Karl's kühne Gassenschau. Seit 32 Jahren unterwegs, mit einem falschen Apostroph hinter dem Karl (den es nie gab) und über 3000 Vorstellungen in 21 Produktionen. Sie können nicht anders, als an ihre Erfolge anzuknüpfen: an «Steinbruch» und «Stau», «Akua», «Silo 8» und «Fabrikk» hiessen die letzten, die bis zu einer halben Million Besucher angelockt haben.

Klein angefangen

Dabei hat die Gassenschau als, eben, Strassenzirkus angefangen, mit Akrobatik, Theatralik und geschlucktem Feuer, in Zürich und an den Winterthurer Musikfestwochen. Vier Gründer sind noch dabei: Paul Weilenmann und Brigitt Maag, Markus Heller und Ernesto Graf. Und 2015 hat die Truppe den Schweizer Theaterpreis erhalten.

Für das neue Freiluftspektakel kehrt sie an den Ort zurück, wo «Fabrikk» und «Silo 8» gegeben wurden: auf das riesige Brachland in Oberwinterthur, auf dem einst Industrieunternehmen wie Sulzer daheim waren und das allmählich von neuen Dienstleistern und schicken Wohnsiedlungen zurückerobert wird.

Nachrichten und anderer Müll

«Sektor 1» mag etwas abstrakt klingen, aber Sektoren gab und gibt es nach wie vor auf dem Gelände. «Wir gingen für unser neues Spektakel von einem aktuellen Lebensgefühl aus», sagt Paul Weilenmann beim gestrigen Medientermin. Er teilt sich mit Brigitt Maag die künstlerische Leitung, Regie und Geschäftsleitung.

«Wir sind verunsichert durch die Medien, wir werden zugemüllt mit schlechten Nachrichten über Krieg, Katastrophen, Umweltverschmutzung.» Er fragt rhetorisch: «Sollen wir jetzt den Kopf in den Sand stecken?»

«Sektor 1» nehme den Abfall als Metapher und packe unsere latenten Ängste in eine phantastische Geschichte. «Sie spielt in einer nahen Zukunft, in der Herausforderungen zur Überforderung werden, in der nur strenge Regeln und beinharte Disziplin den Menschen vor dem Untergang retten werden.»

Wohlfühloase für die Braven

Und in der es natürlich Menschen gibt, die gegen diese Regeln kämpfen – eben damit die Welt nicht untergehe, damit der Abfall, der ins All geschossen worden ist, nicht auf die Welt zurückfalle. «Sektor 1» stehe für die Ordnung, sagt Paul Weilenmann, diene den Menschen als Rückzugsort, als Wohlfühloase, in der es schön sei und in der jene belohnt würden, die sich brav und regelkonform verhielten. Weitere Sektoren seien der Arbeit oder der Natur vorbehalten.

Wie immer in den Produktionen von Karl's kühner Gassenschau gebe es «eine starke dunkle Seite» und natürlich Spektakel und Musik und innovative Technik im Bühnenbild. «Wir können die Welt nicht retten», sagt Weilenmann, «wir können nur mit einem phantasievollen Stück etwas Wichtiges aufzeigen.» Mit zwei neuen Schauspielern im langjährigen «Winning Team», wie Brigitt Maag ergänzt.

Zwanzig technische Berufe

Dann führt Markus Heller, für Technik und Bühnenbild verantwortlich, durch Schächte und spätere Garderoben in den Untergrund. «Ich muss all das bauen, was die Regie will, aber wir verwenden möglichst viele Requisiten aus früheren Produktionen wieder.» An die zwanzig Berufe seien in der Techniktruppe vertreten. Sie brauchen Werkstätten und leben in einem Wohnwagen-Camp, wo später die neue Tribüne für 1400 Zuschauer hin kommt. Bis zu den Preview-Vorstellungen Anfang Juni muss alles fertig sein.