«Wohin er blickte, alles missraten»

Wie denkt, wie fühlt Amerika in seinem Innersten? Eine Antwort gibt John Updike in mehr als zwanzig Romanen und 200 Erzählungen. Im Zentrum steht Harry Angstrom, genannt Rabbit.

Rolf App
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John Updike, aufmerksamer Chronist Amerikas. (Bild: AP)

John Updike, aufmerksamer Chronist Amerikas. (Bild: AP)

Seine Frau kennen gelernt hat Rabbit, als sie beide in Brewer in Pennsylvania bei Kroll gearbeitet haben. Sie verkaufte Süsswaren, er schleppte Armsessel und Ahorntische umher. Und wenn das schmutzige Tagwerk vorüber war und alle andern draussen, trafen sie sich hinten im Zimmer mit den silbernen Medaillons und liebten sich.

So fängt der amerikanische Schriftsteller John Updike 1960 seinen Roman «Hasenherz» an. Schon bald nach dieser romantischen Zeit wird alles anders. Janice sitzt zu Hause, schaut fern und trinkt. «Gerade gestern, so kommt es ihm vor, hat sie aufgehört, hübsch zu sein», schreibt Updike. «Ihr Haar ist dünner geworden, Rabbit muss immer an den Knochen darunter denken.» Er sollte jetzt Nelson holen, ihr gemeinsames Kind. Doch stattdessen steigt er ins Auto und fährt los. Weg, nur weg.

Noch weitere drei Male wird John Updike zu diesem stets fluchtbereiten, höchst mittelmässigen Helden zurückkehren, der eigentlich Harry Angstrom heisst, den aber alle nur Rabbit nennen, das Kaninchen, weil er so wendig ist und dieses nervöse Zucken unter der kurzen Nase hat. 1990 wird er ihn nach Verwirrungen, Liebschaften, Katastrophen endlich sterben lassen. Zuletzt hat er sogar noch die eigene Schwiegertochter verführt.

Ein amerikanischer Jedermann

So wird Harry Angstrom, Kaufhausangestellter, dann Schriftsetzer, schliesslich Autoverkäufer in der Garage des Schwiegervaters, zu einer Art amerikanischem Jedermann. In ihm spiegelt sich die Zeit, in ihm spiegelt sich das Leben und Erleben seines Schöpfers. Und in ihm spiegelt sich die äusserlich behagliche, innerlich brüchige Welt des Mittelstands. Hier in den Vorstädten ist alles sauber, der Rasen gemäht, die Kinder ordentlich. Und doch: Manchmal begehrt man die Frau seines Nachbarn oder jene des besten Freundes.

John Updike, geboren 1932 in Reading, Pennsylvania (und gestorben 2009, ohne dass er den ihm fast jedes Jahr prophezeiten Literaturnobelpreis je erhalten hätte), ist selber in dieser Welt zu Hause. Er wächst auf im benachbarten Shillington, bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zieht die Familie um – «als ein wenig Geld in unsere Taschen gelangt war und Mut unsere Herzen erfasst hatte», wie er selber schrieb. Langsam löst sich die missliche Lage der Familie, mit einem Stipendium geht der Sohn nach Harvard. Hier lernt er seine erste Frau kennen, mit der er vier Kinder haben wird.

«Die Reichen haben es immer schon getan»

Kurz nach der Hochzeit 1953 geht sein Traum in Erfüllung: John Updike schafft es, eine Erzählung im Magazin «New Yorker» unterzubringen. Erstaunlich schnell entwickelt sich die Schriftstellerkarriere. Updike wird zum Chronisten Amerikas, dessen Bewohner er ebenso einfühlsam wie genau beobachtet.

Nach dem Krieg kommt nicht nur die Wirtschaft in Fahrt und Geld liegt in der Luft, auch gesellschaftlich löst sich manches. «Das Motiv des Ehebruchs mitsamt den Schuldgefühlen, auch der Scheidung als möglicher Folge, drängte Mitte der Sechzigerjahre in seinem Schreiben vehement in den Vordergrund», schreibt Updikes Biograph Volker Hage. «Für uns war das eine geradezu betörende Sache», blickt Updike im Jahr 2002 zurück. «Die Reichen haben es ja immer schon getan. Für die Mittelklasse aber war es neu, genug Polster zu haben, um sich den Luxus erlauben zu können, eine andere Person als den eigenen Ehepartner zu begehren. Mein Roman <Ehepaare> beschreibt diesen historischen Augenblick.»

Er tut es auf ambivalente Weise. Updike beschreibt in diesem 1968 erschienenen Bestseller eine saturierte Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich ist: «Die Männer hatten mit dem Karrieremachen aufgehört und die Frauen mit dem Kinderkriegen. Alkohol und Liebe waren übriggeblieben.» Glücklich macht das die Menschen nicht. Des Nachts wälzt sich der unwiderstehliche Piet schlaflos im Ehebett, denkt an die Briefe seiner Geliebten, und es wird ihm bewusst, «dass er selber würde sterben müssen». Als er auf die Strasse tritt, trifft ihn das Sommerlicht, und er sieht «Fernsehantennen, angeschlagene Bordsteine: wohin er auch blickte, alles missraten – Freundschaften, Ehen, Gespräche, alles verkümmert, alles vereitelt, weil es zu früh zum Licht drängte.»

Volker Hages Biographie ist bei Rowohlt erschienen. Von Updike selber seien erwähnt die Rabbit-Romane «Hasenherz» (1960), «Unter dem Astronautenmond» (1971), «Bessere Verhältnisse» (1981), «Rabbit in Ruhe» (1990).

In der amerikanischen Vorstadt ist das Leben in Ordnung - es sei denn, des Nachbarn Frau lockt. (Bild: Image Source/Getty)

In der amerikanischen Vorstadt ist das Leben in Ordnung - es sei denn, des Nachbarn Frau lockt. (Bild: Image Source/Getty)